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Ramadan karîm!

 

Wurde ich zu Beginn meines 13-monatigen Zivildienstes in Palästina mit jeglichen Vorzügen der regionalen Küche beschenkt, kam leider zwei Wochen später die Ernüchterung: Ramadan karîm!

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender und endet mit dem Eid al-Fitr, bei den Türken auch als Zuckerfest bekannt. Beginn und Ende dieses Monats werden durch das geschulte Auge des ägyptischen Großmuftis bestimmt: Der Mond muss in beiden Fällen sichelförmig sein. In dieser Zeit verzichten (zumindest offiziell) alle Muslime auf Essen und Trinken, solange die Sonne am Himmel steht. Das heißt im Klartext von fünf Uhr morgens bis etwa halb acht abends kein Tropfen Wasser, kein Brotkrümel und zum Beispiel auch keine Kaugummis und keine Zigaretten.

Am Anfang meines Einsatzes hieß es also noch um zehn Uhr Hummus-Pause, leckeres arabisches Frühstück mit selbstgemachtem Tee, Hummus und Auberginenpüree. Unser Chef war meist nur bis zu dieser Pause schlecht drauf oder still und danach dann sehr umgänglich. Im Ramadan allerdings fingen die arabischen Arbeiter bereits um sechs Uhr statt wie sonst um halb acht den Dienst an, die Frühstückspause traten wir deutschen Zivis/Volos alleine an, getrunken wurde während der Arbeitszeit nicht mehr – wir schlossen uns aus Respekt an. Und das für die Araber Schlimmste am Ramadan: Geraucht werden durfte auch nicht! Alles in allem also extreme Stimmungsdämpfer, die uns den Arbeitstag erschwerten – ganz abgesehen von der Tatsache, dass uns ohne einen Schluck Wasser bei 32 Grad im Schatten auch gerne schwindelig wurde. Gegen 14 Uhr verließen die Arbeiter uns dann und wir beschlossen den Arbeitstag mit endlich wieder kühlem Nass.

 

Doch nicht nur unsere Arbeiter zeigten sich schwer beeinträchtigt vom täglichen Fasten: Die Fahrten im Sherut wurden zwischenzeitlich lebensgefährlich, da die Fahrer nachts mit Essen beschäftigt waren und so tagsüber auch während der Fahrt kurz die Augen schlossen und dann auf die Gegenfahrbahn abdrifteten.

 

Ich selbst habe mir nicht einmal einen Tag Ramadan zugetraut. Mir schien der Gedanke unmöglich, einen Tag ohne Flüssigkeit auszukommen. Ein Zivi-Kollege von mir allerdings wurde zu einem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang eingeladen und wollte, um es auch möglichst authentisch zu gestalten, den Tag nach den Regeln des Ramadan begehen. Gegen Anfang des Tages war er noch recht gut gelaunt. Nur die Tatsache, dass er um vier Uhr nachts zwei Liter Wasser trinken musste, bevor die Sonne aufging, stieß ihm übel auf. Im Laufe des Tages jedoch stellte sich immer mehr der Gemütszustand ein, den ich von den Arabern gewohnt war: wortkarg, leicht reizbar und schläfrig. Laut meinem Kollegen war das Hauptproblem das Trinken: Bei Temperaturen jenseits der 28 Grad ruft jede Bewegung eine erhöhte Schweißproduktion hervor und trocknet den Mund aus. Er beschränkte sich also darauf, ab 14 Uhr nur noch im Bett zu liegen und schlafend die Zeit bis zum Iftar, dem Fastenbrechen, herumzukriegen. Das Essen war zwar köstlich, doch genießen konnte er es nicht wirklich. – Nach einer Portion war er aufgrund des geschrumpften Magens pappsatt und das Augenmerk lag eh auf dem Trinken.

 

Der Zeitpunkt, ab dem wieder – oder eben nicht mehr – gegessen werden darf, wird in Jerusalem durch die Ramadan-Kanone eingeläutet, die sich nicht unweit der Altstadt und des Paulushauses befindet. Gegen 19 Uhr wird also durch einen ohrenbetäubenden Knall das Fastenbrechen eingeläutet und eine fast schon gespenstische Stille legt sich über den arabischen Teil der Heiligen Stadt. Alle sitzen sie bei ihren Familien und holen nach, was am Tag versäumt wurde. Danach dann ergießt sich das Leben in die Gegend um das Damaskustor. Endlich darf wieder geraucht, getrunken und der Falafelmann des Vertrauens aufgesucht werden. Eingerahmt wird diese festliche Stimmung durch Lichterketten und Fensterbilder – nicht unähnlich denen, die sich in der Vorweihnachtszeit in christlichen Häuserfenstern entdecken lassen. Gegen Mitternacht kehrt dann nach und nach Stille ein. – Man muss schließlich wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf bekommen, bevor die Ramadan-Kanone einen mit einem laut Knall nicht nur aus den Träumen reißt, sondern auch den erneuten Beginn des Fastens markiert. In unserem beschaulichen Dorf Qubeibe bedient man sich subtilerer Mittel: Nachts fährt ein Pick-up mit Schritttempo durch das Dorf, auf dessen Ladefläche ein Trommler steht, der die Leute zum Essen weckt, bevor das Fasten beginnt.

 

In den letzten fünf Tagen des Ramadan geht dann bereits das Feiern los. – Die Kanone wird grandioserweise so oft abgefeuert, wie viele Tage es noch zu fasten gilt. Die Geschäfte haben bis tief in die Nacht geöffnet und am Damaskustor kehrt erst gegen sechs bis sieben Uhr morgens Ruhe ein. Am letzten Tag bzw. in der letzten Nacht wird dann nochmal aus den Vollen geschöpft: zehn Schüsse signalisieren das Ende des Ramadan und den Beginn des Eid al-Fitr. Die arabischen Familien besuchen sich gegenseitig, laden sich zum Essen ein und beschenken sich mit Süßigkeiten; die Kinder bekommen kleine Spielzeuge. Die arabischen Jungen sieht man in den folgenden Tagen ausnahmslos mit Spielzeugpistolen durch die Straßen laufen, mithilfe derer dann fröhlich Krieg nachgespielt wird und Passanten mit kleinen Plastikkügelchen beschossen werden.

 

Wenn meine Sicht auf den Ramadan vielleicht etwas kritisch ausfällt, hängt das wohl hauptsächlich mit der Kanone zusammen, die mich mehr als einmal aus dem Schlaf gerissen hat, oder der gereizten Stimmung bei der Arbeit, die in den Wochen des Fastens immer deutlicher wurde. Dennoch habe ich einen gewaltigen Respekt vor dem Verzicht, den die Muslime im Ramadan üben. Auch der Gedanke, einen Monat im Jahr zu leben wie die Armen, halte ich für einen guten Anreiz zur Solidarität – ob es nun aus tiefer religiöser Überzeugung geschieht oder nur aus kulturellen Gründen, die zweifelsohne ebenfalls eine Rolle spielen.

In diesem Sinne bin ich bereits auf den nächsten Ramadan gespannt, den ich zu Ende meiner Dienstzeit hier in Beit Emmaus erleben darf. Ramadan karîm!

 

– Florian Simon (Aachen)

Zivi in Beit Emmaus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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