fasten_unfreiwillig

 

deutsch
englisch

 

Unfreiwilliges Fasten

 

Wenn man durch Qubeibe geht, fallen einem sofort die vielen neugebauten Häuser auf. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, war ich doch etwas erstaunt. Die großen Häuser wirken modern und schick und widersprechen damit dem Bild von Armut, das man immer von den Palästinensergebieten hat. Doch wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass viele dieser Häuser unvollendet sind. Oft ist nur das Erdgeschoss fertiggestellt und bewohnbar. Denn die Menschen bauen erst dann weiter, wenn sie wieder Geld haben. So dauert es mitunter Jahre, bis alle Stockwerke fertig sind. Dieses Beispiel zeigt, dass viele Menschen hier nicht auf bestimmte Statussymbole verzichten möchten, während das Leben hinter dieser schönen Fassade oft von bitterer Armut geprägt ist.

 

Hier in Palästina haben die Menschen nicht nur allgemein weniger Geld als in Deutschland. Laut einer Studie der Vereinten Nationen lebt jeder zweite Palästinenser in großer Armut. Das heißt, die Hälfte der Bevölkerung muss mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. So sind viele Menschen auch dann zum Fasten gezwungen, wenn der Ramadan es nicht gebietet. Selbst für Grundnahrungsmittel wie Brot und Wasser fehlt oft das Geld.

 

Zur ohnehin schon großen Armut kommt in vielen Familien noch hinzu, dass der Vater keine Arbeit hat, sodass die Ernährung der Familie noch schwieriger wird. Daher sind viele Kinder gezwungen zu arbeiten und so ein paar Shekel zum Familieneinkommen beizutragen. Zwar dürfen Kinder offiziell erst mit 15 Jahren arbeiten gehen. Doch fehlen die Kontrollen und die existenzielle Bedrohung der Armut zwingt viele Eltern, die Kinder aus der Schule zu nehmen. Es ist nicht schwer vorherzusehen, dass den Kindern durch die fehlende Bildung später meist auch die Arbeitslosigkeit droht. Doch wie sollen die Familien aus diesem Teufelskreis entkommen? Eine staatliche Arbeitslosen- oder Sozialhilfe wie in Europa gibt es in Palästina nicht. So erhält beispielsweise eine Witwe, die keine persönlichen Rücklagen hat, von denen sie leben könnte, von den Behörden gerade einmal 99 Shekel (etwa 17 Euro) im Monat. Zum Vergleich: eine israelische Familie erhält für ein Baby immerhin rund 450 Shekel Kindergeld, also mehr als das Vierfache.

Zudem sind die meisten Palästinenser gezwungen, ihr Trinkwasser auf dem freien Markt zu kaufen. Im vergangenen Jahr lag der Preis für einen Kubikmeter zwischen 15 und 30 Shekel (drei bis sechs Euro). Die Israelis hingegen zahlen nicht mehr als fünf Shekel – und das, obwohl das Wasser meist aus denselben Quellen stammt und auch die Transportwege nicht viel länger sind. Auf Grund der Dürre in diesem Jahr wird erwartet, dass die Wasserpreise weiter ansteigen.

Jedoch hat Israel die alleinige Kontrolle über die Wasserquellen – auch über jene, die unter palästinensischem Boden liegen. Und die israelische Besatzungsmacht verbietet den Palästinensern nicht nur das Bohren eigener Brunnen, sondern hindert auch die palästinensische Wassergesellschaft an der Erschließung neuer Trinkwasserquellen. So hat heute jeder zehnte Bewohner des Westjordanlands keinen Zugang zum Trinkwassernetz. Weitere zehn Prozent der Menschen leben in Dörfern, in denen die Versorgung nur unzuverlässig funktioniert. Oft ist diese für Tage oder gar Wochen unterbrochen. Für diese Situation machen viele Menschen die Willkür der für die Versorgung zuständigen israelischen Wassergesellschaft verantwortlich.

 

Seit mehreren Jahrzehnten versuchen die Vereinten Nationen bereits, dieser schwierigen Situation Herr zu werden – unter anderem durch das Welternährungsprogramm und ein eigenes Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge, die UNRWA. So verteilen auch wir regelmäßig Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis und Zucker, die wir von den Vereinten Nationen bekommen, an bedürftige Familien in Qubeibe und den umliegenden Dörfern. Jedoch ist auch diese Geste der Nächstenliebe nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn leider passiert es allzu oft, dass die ausländischen Lebensmittelspenden nicht direkt bei der Bevölkerung ankommen. Es kommt nicht selten vor, dass die hiesigen Behörden die Waren nicht kostenlos verteilen, sondern verkaufen und so von der Armut der eigenen Bevölkerung profitieren. So ist letztlich nicht allein die israelische Besatzung für die Armut und den Hunger der Menschen verantwortlich, sondern auch die palästinensische Autonomiebehörde und deren Misswirtschaft der letzten Jahre und Jahrzehnte. Einseitige Schuldzuweisungen wären also fehl am Platz.

 

Alles in allem hat sich die Situation vieler Palästinenser zwar seit der zweiten Intifada vor neun Jahren langsam verbessert. Dennoch müssen nicht wenige Menschen nach wie vor um ihr tägliches Überleben fürchten. Für sie ist nicht nur im Ramadan Fasten angesagt. Durch diese Situation wird man sich als Gast in diesem Land nicht nur des eigenen Wohlstands bewusst, über den man vorher selten nachgedacht hat. Man lernt auch ganz bewusst zu leben und viele sonst so selbstverständliche Dinge wie sauberes Trinkwasser auf ganz andere Weise zu schätzen.

 

– Manuel Spohn (St. Johann/Baden-Württemberg)

Volontär in Beit Emmaus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(c) Deutscher Verein vom Heiligen Lande - 2010     mail[[at]heilig-land-verein.de

[Startseite] [Wir über uns] [Einrichtungen] [Pilgerreisen] [Freiwilligendienste] [Spenden] [Impressum]