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Rückblicke, Ausblicke, Seitenblicke
Der Sommer ist jedes Jahr die Zeit, in der es die meiste Bewegung in der Emmaus-Gemeinschaft gibt: Nach und nach nehmen wir Abschied von liebgewonnenen Freiwilligen, die mehrere Monate oder ein ganzes Jahr nicht nur in Emmaus gearbeitet haben, sondern ein fester Teil der Gemeinschaft waren. Gleichzeitig kommen „die Neuen“ an, für die das Leben und Arbeiten hier im Land noch ein Abenteuer, ein Wagnis – oft auch ein Buch mit sieben Siegeln ist. Hinzu kommen seit einigen Jahren die Pflegeschülerinnen und -schüler, die ein mehrwöchiges Praktikum bei uns absolvieren. Auf den ersten Blick mögen sich diese jungen Menschen noch sehr stark ähneln – haben die meisten von ihnen gerade ihr Abitur gemacht und sich für eine Auszeit vor ihrem Studium entschieden. Doch jede und jeder Einzelne hat eine eigene Geschichte, eigene Hoffnungen und Erwartungen, die sie bzw. er mit dem Aufenthalt in Emmaus verbindet. Die Schwestern haben sich ein wenig umgehört...
Eine Auszeit nehmen, ins Ausland gehen, mal etwas Neues erleben – das waren für die meisten Freiwilligen die Beweggründe, aus denen der Wunsch entstand nach Emmaus zu kommen. Für Simon war nicht nur die Arbeit im Garten ein Argument für Emmaus, sondern auch sein Interesse für den geschichtlichen Hintergrund des Landes und den Nahostkonflikt. Ähnlich geht es dem anderen „Zivi“ Volker: „Zum einen wollte ich die arabische Sprache und Kultur kennen lernen. Zum anderen war Palästina für mich auch schon aufgrund des Konflikts interessant. Ich wollte sehen, wie man hier diese fast schon unendliche Geschichte selbst erlebt.“
Ja, der Konflikt... Maike, Cornelia und Pia, die ein halbes Jahr bei uns in der Pflege mitarbeiten, sammelten ihre ersten Erfahrungen mit der schwierigen Lage schon, bevor sie überhaupt hier waren: Aufgrund von Visumsproblemen verschob sich ihre Ankunft um drei Wochen. Und auch im Alltag, insbesondere in der Freizeit, wurden unsere Freiwilligen schnell mit den etwas anderen Realitäten des Nahen Ostens konfrontiert. Gewohnt, sich frei bewegen zu können, immer dahin gehen und fahren zu können, wohin man gerade will, wurde ihnen hier zum Teil schmerzlich bewusst: So wie zu Hause wird das hier nicht werden. Selbst eine Fahrt nach Jerusalem – eine eigentlich so kurze Strecke – braucht Zeit und Geduld. Bei einigen der Volontäre stellte sich so nach dem ersten Staunen eine gewisse Ernüchterung, eine Ent-Täuschung von den Vorstellungen und Illusionen ein, die sie sich wohl vorher gemacht hatten. Nein, die sprichwörtliche „große, weite Welt“, von der so mancher gerne träumt, ist Palästina sicher nicht!
Besonders für die Volontärinnen – neben Maike, Cornelia und Pia sind das Katarina, Miriam und Mathilde, die jeweils ein Jahr bei uns bleiben – kommt eine weitere Einschränkung hinzu: Frauen sind in der muslimisch geprägten palästinensischen Kultur dazu angehalten, sich in der Öffentlichkeit bedeckt zu kleiden – lange Ärmel, lange Hosen, keinen Ausschnitt. Kleinigkeiten zwar, die man natürlich respektiert – und doch erleben die jungen Frauen diese Kleidungsvorschriften als Einmischung in ihre Privatsphäre.
Schließlich kommt noch die Tatsache hinzu, dass die Monate im Heiligen Land kein Urlaub sind, dass eine 40-Stunden-Woche – ob nun im Garten oder auf Station – einen ganz schön fordern kann und dass man, außer an freien Tagen, auch wenig Möglichkeiten hat, Abstand zu finden. Auch diese Erkenntnisse sorgten in den ersten Wochen hie und da für ein wenig Ent-Täuschung. Denn man darf sicher nicht vergessen, dass für die meisten „Neuen“ die Zeit in Emmaus einen gewissen Wendepunkt in ihrem Leben darstellt: Bis kurz vor ihrer Ankunft haben sie die Schulbank gedrückt und im gewohnten Umfeld von Familie, Freunden und Mitschülern gelebt. Und nun für ein halbes oder ganzes Jahr in einem fremden Land, ein neuer Freundeskreis, eine körperlich anstrengende Arbeit...
Doch vermutlich braucht es all solche mitunter auch negativen Erfahrungen hier im Heiligen Land, um wach zu werden für die Andersartigkeit, die sich einem bietet. Wach zu werden für den herben Charme der Landschaft. Wach zu werden für die Herausforderung, dass Zeit hier einem anderen Rhythmus folgt. Wach zu werden für die Blicke und Gesten der Dankbarkeit, die allen Ärger und Stress, den die Arbeit mit sich bringt, vergessen lassen.
Für die Pflegeschülerinnen Leonie-Zoe, Dinka und Lea ist ihre Zeit in Beit Emmaus schon wieder zu Ende. Und auch wenn sie „nur“ sechs Wochen mitgelebt und -gearbeitet haben, haben sie festgestellt, wie stark sich Erwartungen, Ängste und ursprüngliche Enttäuschungen innerhalb kürzester Zeit wandeln können. Sie haben ein wenig von der deutschen Engstirnigkeit verloren und gleichzeitig arabische Gelassenheit hinzu gewonnen: „In Beit Emmaus geht es sicher nicht immer so zu, wie man das aus deutschen Pflegeheimen kennt oder wie wir das in unserer Ausbildung lernen. Doch die Arbeit ist deutlich stärker den Bewohnerinnen angepasst. Jede hier wird nach individuellen Bedürfnissen versorgt, und das hat uns sehr große Freude bereitet. Auch die anfangs befürchtete Sprachbarriere haben wir dank der guten Englischkenntnisse der arabischen Mitarbeiterinnen und zur Not auch mal mit Gestik und Mimik schnell überwunden.“
J a, der wahre Weitblick, der Blick für all die Möglichkeiten, die sich bieten werden und die man dankbar wahrnehmen wird, stellt sich wohl nach einer gewissen Zeit ein. Neue Freundschaften, Entdeckungsreisen nach Jerusalem und durch das nicht nur landschaftlich beeindruckende Heilige Land. Zahlreiche Begegnungen, die einem das Land, seine Menschen und ihre Kultur näher bringen und unvergesslich bleiben werden. Auch die Geborgenheit, die einem das Leben in Beit Emmaus bietet, gemeinsame Feiern, spirituelle Erfahrungen. All diese Dinge werden die Freiwilligen in ihrer Zeit im Heiligen Land prägen und die Blickwinkel auf so manche Fragen des Lebens ändern und reifen lassen. Also: Haltet die Augen offen und lasst euch auf neue Perspektiven ein!
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