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Wenn einer eine Reise tut...
Es gehört selbstverständlich zum Alltag in Beit Emmaus, dass uns immer wieder ehemalige Zivis und Volontärinnen besuchen, einen Teil ihres Urlaubs bei uns verbringen und alte Freundschaften pflegen. Aber ein Gegenbesuch in Deutschland? – Lange war schon die Rede davon, dass Muhammad Zahran, unser 26-jähriger Gärtner, eine Reise nach Deutschland unternehmen wollte. Eingeladen wurde er von unserem letzten Zivi Florian Bittlmayer und seiner Familie. Eine solche formelle Einladung ist die Voraussetzung für Palästinenser, um ein Visum für Deutschland zu bekommen. Mit dem Schreiben in der Tasche stellte Muhammad seinen Antrag beim deutschen Vertretungsbüro in Ramallah – und wartete mit gemischen Gefühlen auf eine Nachricht. Lange ließ sie auf sich warten, die Nachricht, und Muhammad malte sich aus, wie es wohl wäre, wenn er kein Visum bekäme...
In diesen Zeiten wechselten sich die Stimmungen ab: Sollte man positiv eingestellt sein, Hoffnung haben, daran glauben, dass es sowieso nur gut ausgehen kann? Oder würden die Zweifel sich behaupten, der Gedanke „Es wird ja doch nichts.“? Denn schließlich lebt Muhammad in einem Land, in dem ihm vieles nicht möglich ist.
Doch dann kam nach langer Wartezeit die erlösende Nachricht aus Ramallah: Muhammad bekommt ein Visum für 16 Tage. Unbeschreibliche Freude erfüllte ihn – hatte er doch bis zu einem Ausflug nach Jordanien in diesem Frühjahr nie die Palästinensergebiete verlassen können. Und nun eine so große Reise in ein Land, in dem er durch die über zehn Jahre, die er bei uns als Gärtner arbeitet, einen so großen Freundes- und Bekanntenkreis hat – obwohl er nie dort war.
Am 28. August ging die Reise schließlich los. Zuerst nach Amman, denn Palästinenser dürfen nicht über den Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv fliegen. Von der jordanischen Hauptstadt ging es über Wien nach München, wo er von Florian und seiner Familie herzlich empfangen wurde. Zum ersten Mal fliegen, zum ersten Mal in Europa. – Alles, was Muhammad von nun an sah und erlebte, geschah für ihn zum ersten Mal.
Geplant war eine Tour quer durch Deutschland. Ausgangspunkt war Hitzhofen, Florians Heimatort in der Nähe von Eichstätt. Von dort ging es nach Tübingen, Frankfurt, Koblenz, Köln, Dortmund, Osnabrück, Wolfsburg, Berlin, Leipzig, Jena, Aschaffenburg und schließlich zurück nach München. An all diesen Orten wollte Muhammad Station machen, um Freunde zu treffen und das Land kennen zu lernen.
All die neuen Eindrücke faszinierten Muhammad: Er stellte fest, dass es nicht nur eine Straßenverkehrsordnung gibt, sondern dass diese auch grundsätzlich auch von allen eingehalten wird. Dass Straßen und Autos gepflegt und in einem guten Zustand sind. Dass es Fußgängerwege gibt und sie auch benutzt werden. Dass es Regeln gibt, an die sich alle halten. Aus seinen Erzählungen hört man heraus, dass er diese Ordnung kennen und schätzen gelernt hat. Allein den Gebrauch von Abfalleimern. Hier in Palästina werfen die meisten Menschen den Müll einfach auf die Straße. In Deutschland schmeißt man ihn zumindest in einen Mülleimer – wenn es geht, trennt man ihn sogar. Aufgefallen ist ihm auch, dass Häuser und Gärten sehr liebevoll gepflegt werden. Hier gelingt es ja oft nicht einmal, ein Wohnhaus überhaupt fertig zu stellen – geschweige denn ein gepflegtes Vorgärtchen anzulegen.
I n den Blick genommen hat Muhammad aber auch den Umgang der Menschen miteinander, mit Nachbarn, Freunden, Verwandten... In Palästina ist es üblich, sich in die Angelegenheiten der anderen „einzumischen“. – Man weiß Bescheid über die Probleme und Sorgen der Menschen, die einem nahe sind. Man versucht zu helfen, Rat zu geben, für einander da zu sein. Anders in Europa: Lebt dort doch anscheinend jeder sein Leben und verbittet sich nicht selten jede Einmischung in seine Entscheidungen. Auch rührt das Unglück anderer, beispielsweise das eines Bettlers, wohl nicht sehr an der Seele eines Europäers. Bei aller Faszination für Europa konnte Muhammad diese Einstellung nur schwer verstehen – ist der Zusammenhalt in Familie und Freundes- und Bekanntenkreis doch ein wichtiger Grundpfeiler im Leben der Palästinenser.
Was Muham-mad bei seiner Reise jedoch zu allererst und am deutlichsten auffiel, war die Freiheit, die die Menschen in Europa genießen dürfen. Von einer Stadt in die andere, von einem Land ins nächste – keine Kontrolle, kein Visum, keine Sondergenehmigung, die man zuerst beantragen muss. Es faszinierte ihn, wie leicht das Leben sich anfühlt, wenn man in Freiheit seinen Alltag planen, Freizeit gestalten und Freundschaften pflegen kann. Sein Kommentar: „Die Menschen in Europa sind frei. Sie können gehen, wohin sie wollen, können tun, was sie wollen, und niemand stellt Fragen. Hier in Palästina kannst du nicht einmal dein Haus verlassen ohne deinen Ausweis. Hier gibt es die Mauer, die Siedlungen, das Militär. In Europa haben die Menschen eine Zukunft, über die sie nachdenken und die sie gestalten können. In Palästina lebt man von einem Tag auf den anderen, weil es sinnlos ist, Pläne für die Zukunft zu machen.“ So oft man diese und ähnliche Aussagen auch schon gehört hat – sie bringen einen doch immer wieder zum Nachdenken, und man spürt, dass sie Muhammad sehr beschäftigen und dass er sich wohl nicht vorstellen kann, immer so zu leben.
Die Reise nach Deutschland war ein Traum, den Muhammad lange gehegt hatte und der nun endlich in Erfüllung gegangen war. Neben all den positiven Erlebnissen, die er mitgebracht hat und von denen er wohl auch noch in Jahren erzählen wird, schwingt jedoch auch ein wenig Nachdenklichkeit in seinen Erzählungen mit: „Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die Erfahrung, dass es möglich ist, sein Leben in Freiheit zu leben – ein Leben, das Fortschritt und Veränderung bedeutet und nicht, dass alles so bleibt, wie es immer war.“ Wünschen wir Muhammad und allen Palästinensern, dass auch sie bald ein solches Leben in Freiheit führen können.
– Sr. Waltraud Mahle SDS
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