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Gemeinsam Gott loben und dienen
Einmal eine Auszeit nehmen und religiös auftanken, so hatte ich mir meine Zeit zwischen Bachelor- und Masterstudium vorgestellt und mich dann auf Emmaus gefreut. Da ich evangelische Christin bin, hatte ich so einige (und – wie sich im Nachhinein herausstellte – realitätsferne vorkonzilianische) Vorstellungen davon, wie sich der Arbeitsalltag und das Mitleben in einem katholischen Kloster gestalten. Zugleich wollte ich mich aber auch ganz ökumenisch praktisch üben. Doch was ist eigentlich ökumenisch und warum denken wir bei diesem Begriff häufig „nur“ an Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten? Ich weiß es nicht, doch wurde ich in Emmaus eines Besseren belehrt. Interessanterweise war die Frage der Konfessionszugehörigkeit etwas, das niemanden wirklich interessierte. Es galt zu allererst den Dienst am Nächsten, an unseren kranken und behinderten Anvertrauten, auszuüben und mit ihnen den Alltag zu gestalten. Ein wesentlicher Bestandteil des Alltags jedoch, der uns die nötige Kraft für diese Arbeit gab, waren das gemeinsame Gebet vor und nach dem Essen sowie die tägliche Anbetungszeit am Morgen und die Messe am Abend.
Mit dem herzlichen Hinweis, dass Christus sich nicht zerteilen ließe, sondern in seiner ganzen Liebe alle Menschen miteinander verbindet, erhielt ich dann eine herzliche Einladung zur Messe und war erstaunt zu sehen, wie alle ganz selbstverständlich an dieser Messe teilnehmen und wer alles diese Messe hielt. Da gab es zumeist die römisch-katholische Messe mit Pater Francesco, aber auch die griechisch-katholische Messe mit dem libanesischen Paulistenpater Nassir, welche recht orientalisch anmutete mit dem vielen Gesang und den vielen arabischen Texten. Aber auch die römisch-katholische Messe war ein schöner bunter Blumenstrauß, an dem alle Mitfeiernden teilnehmen konnten. Die Sprachen wechselten zwischen Italienisch, Deutsch, Englisch und Arabisch, so dass auch alle Heimbewohnerinnen daran teilnehmen und sich wiederfinden konnten. An dieser Sprachen- und Messvielfalt wurde nicht nur deutlich, dass es sich um ein internationales Haus handelt, sondern auch, woher alle Teilnehmenden kamen und in welchen Traditionen sie verwurzelt sind. Die Konfessionen der Bewohnerinnen sind dabei recht unterschiedlich: griechisch- oder armenisch-katholisch, griechisch- oder armenisch-orthodox; wiederum andere gehören dem koptischen Ritus oder den Quäkern an. – Man erhält hier im Land einen Einblick in die Vielfalt christlicher Bekenntnisse. Frei nach Matthäus 11,28 – „Kommt alle her, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ – fanden wir uns somit jeden Abend zur Messfeier ein und taten das, was uns alle miteinander verbindet: Gott loben, danken, ihn anbeten und sich stärken an seinem Wort für das da Kommende. An dieser Stelle freue ich mich über alle neuen Gebete, Lieder und liturgischen Texte, die mich nun in meinem Alltag begleiten.
Neben dieser offen praktizierten Ökumene zwischen den christlichen Konfessionen ging es natürlich auch um die abrahamitische Ökumene, also jene zwischen Muslimen und Christen, da alle Angestellten und auch die Mehrheit der Bewohnerinnen dem Islam angehören. Nach kurzer Zeit hatte man sich an den Muezzin gewöhnt, der fünfmal täglich zum Gebet ruft, und nach einigen Grundsprachkenntnissen verstand man dann auch das, was wir gemeinsam haben: den Ausruf „Danket Gott“. Besonders eindrücklich erlebte ich dies beim Fastenbrechen im Ramadan. Wenn alle Familienmitglieder und ihre Gäste um den voll beladenden Essenstisch sitzen und darauf warten, dass der Muezzin den Beginn des Fastenbrechens verkündet. Dass wir als Christen an diesen Abenden und ihrem sehr öffentlich praktizierten Gottesglauben teilnehmen durften, empfinde ich als ein Geschenk. Natürlich sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen und Konfessionen beträchtlich und sicherlich nicht belanglos, aber für mich sind sie in dieser Gemeinschaft in den Hintergrund getreten – auch aufgrund der vielfältigen Probleme in diesem Land. Ich habe lernen dürfen, dass der Lobpreis Gottes, Lieder und offene Gebete für uns eine gemeinsame Praxis auch in diesem Land sein können – und schon sind.
– Natalie Gaitzsch (Berlin)
Volontärin in Beit Emmaus
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