|
|
Kleine Emmaus-Geschichten
Frühmorgens, noch etwas verschlafen, kam ich am Ben-Gurion-Flughafen an und wartete auf die Person, die mich abholen sollte. Das Schild „Emmaus“ war gar nicht notwendig, denn das freundliche Gesicht, das mir entgegenkam, verriet mir, dass diese erste Begegnung mir „Emmaus“ aufleuchten ließ. Auf dem Weg zu meinem Ziel unterhielten sich Sr. Margo und ich, als hätten wir uns schon lange gekannt. Eine neue, unbekannte Welt kam mir entgegen, die sich im Laufe der Wochen immer mehr lichten sollte.
In Emmaus angekommen erfuhr ich sehr viel Herzlichkeit, die sich durch die weiteren drei Monate zog. Es war ein Stück Oase, das ich dort erlebte, und manchmal fragte ich mich, was es genau war, das so viel Ruhe auf mich ausstrahlte. Es war ganz anders als zu Hause, wo eine Aufgabe die andere ablöst und es immer wieder vorkommt, dass mir die Zeit zu kurz wird. In Emmaus hatte ich plötzlich die Zeit und Ruhe, die ich mir schon seit längerem gewünscht hatte.
Eine kostbare Erfahrung war für mich das Lesen der Heiligen Schrift in einem Stück. Meine Bibel verwandelte sich in ein Buch, das plötzlich farbig wurde, weil ich verschiedenen Themengebiete Farben zuordnete. Auch im Alten Testament begegneten mir so viele Zusagen und Verheißungen, dass ich manchmal nach einigen Stunden des Lesens tief beglückt war und mit dem Eindruck zurückblieb, dass es wirklich für alles im Leben ein Wort aus der Schrift gibt, das tröstet und aufbaut. Außerdem schlage ich jetzt meine Bibel auf und es kommen mir Verse entgegen: überraschend, bestätigend oder als Anfrage.
Der Austausch mit den Schwestern, mit den Freiwilligen und auch mit den Angestellten des Hauses durchwebten die ersten Wochen, und sie gaben mir das Gefühl, dass ich immer mehr ankommen durfte, wo ich mir auch wünschte anzukommen: im DASEIN bei dem, was ist. Es war so viel Zeit für alles...
Für mein Vorhaben, in dieser Zeit auch dreißigtägige Exerzitien zu machen, wählte ich mir ein jüngst erschienenes Buch von Alex Lefrank, anhand dessen ich meinen eigenen Prozessweg ging, aber auch hinschaute aus der Sicht der Begleitung. Die Dachterrasse wurde am Morgen und am Abend zu meinem bevorzugten Meditationsplatz, und ich wurde nicht fertig, über all das zu staunen, was mich umgab, dankbar zu sein und vor allem mein Glück zu genießen, dass mir diese Zeit geschenkt war. Als mich Natalie eines Tages fragte, was ich denn da mache in so viel stiller Zeit, sagte ich ihr: „mich von Gott lieben lassen“ – was, ihrer Reaktion nach zu schließen, ein bisschen befremdlich war.
In den drei Monaten Beit Emmaus hatte ich auch die Gelegenheit das Land ein wenig zu erkunden; Orte, die mir aus der Bibel vertraut waren, und andere, von denen ich keine Ahnung hatte, wie sie auf mich wirken würden.
So bekam die Wüste eine besondere Anziehungskraft mit ihrer Stille und Weite. Sie gab mir am stärksten einen Eindruck davon, in welcher Welt Jesus sich bewegte, und es schien mir plötzlich so unbedeutend, wohin er wirklich seinen Fuß gesetzt hat oder was an den verschiedenen Gebäuden und Orten wirklich „seine Fußspuren“ widerspiegelt. Ich konnte ihn finden, wo immer meine Füße mich in diesem Land trugen.
In Hebron, bei den Patriarchengräbern, sah ich zum ersten Mal einen Juden mit den typischen Utensilien: die Gebetsriemen am Arm und die Tefillin an der Stirn. Es hat mich beeindruckt ihm zuzuschauen, wie er sich diese Dinge anlegt, und jedes Mal, wenn ich die Stelle „Höre Israel, der Herr ist ein einziger Gott...“ lese oder höre, kommt mir dieses Bild in den Sinn. Später konnte ich diese Begegnung mit orthodoxen Juden noch des Öfteren an der Gebetsmauer in Jerusalem erleben.
Eines Morgens nach der Nachtanbetung in der Grabeskirche ging ich ins jüdische Viertel. Viele Menschen sammelten sich dort, und besonders angetan haben es mir immer die kleinen jüdischen Buben mit ihrer Kippa und den Locken, oft an der Hand ihrer Väter. Ich war hungrig und beobachtete, wie die Leute von irgendwoher Kaffee und Gebäck holten. Eine gute Idee, dachte ich, und stellte mich in die Reihe. Gott sei Dank fragte ich noch rechtzeitig, ob es überhaupt erlaubt sei, dass ich mich da anschließe, denn ich konnte nicht sehen, wo die Schlange hinführte. Darauf sagte mir ein freundlicher Herr: „Es ist kein Problem, dass Sie hier etwas zu essen bekommen, aber das Problem ist, dass Sie als Frau da nicht hineingehen dürfen. Aber ich bringe Ihnen Kaffee und etwas zu essen. Was möchten Sie gerne?“ Das war ein Stück Erfahrung von Emmaus an der Gebetsmauer.
Insgesamt konnte ich siebenmal eine Nacht in der Grabeskirche verbringen. Am Abend wird die Tür zugesperrt und erst am Morgen wieder geöffnet. Bis zu 20 Leuten dürfen, nach vorheriger Anmeldung, jeweils eine Nacht dort verbringen. Es war jedes Mal spannend, wer sich da traf. Eine ganze Nacht lang an einem Ort zu sein, wo tagsüber die Leute warten, bis sie endlich an die Reihe kommen, um dann für ein paar Minuten in das Innerste der Grabeskirche zu gelangen, und wo es in der übrigen Kirche oft zugeht wie auf einem Marktplatz.
Eine Erfahrung besonderer Art war, die verschiedenen Glaubensgemeinschaften in der Grabeskirche zu erleben – mich gleichzeitig aber auch in meinem katholischen Glauben heimisch zu fühlen, wenn ich mich um Mitternacht in der Seitenkapelle der Franziskaner einfand, um deren Chorgebet auf Italienisch und Latein mitzuvollziehen. Ich konnte ein wenig mehr erahnen, warum sich Jesus immer wieder nachts zurückzog auf den Ölberg um zu beten.
Beeindruckt war ich von einem Besuch in der palästinensischen Universität der Schulbrüder in Bethlehem. Eine Universität, in der 3000 junge Menschen sich auf eine Zukunft vorbereiten, von der sie nicht wissen, wohin sie wirklich führt. Zur selben Zeit wurde mir deutlich, welch ein Segen es für viele junge Menschen ist, dass es in Beit Emmaus eine Pflegeschule gibt, an der sie studieren und sich auf eine berufliche Zukunft vorbereiten können.
In Ecce Homo in Jerusalem konnte ich einen Monat lang mit 25 anderen Frauen und Männern aus verschiedenen Ländern auf den Spuren Jesu gehen.
Ich gewann den Muezzin lieb, der täglich vor meinem Fenster seine Stimme erhob, ich erlebte bei unseren Führungen sehr engagierte Juden und Muslime und bekam eine Ahnung von einem Land, in dem Menschen verschiedener Religionen so eng zusammen leben. Ich erlebte immer wieder die Zerrissenheit, das schwierige Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern, Juden, Christen und Muslimen. Doch auch Erfahrungen wie die Mauer und die Checkpoints gehören zum Leben in diesem Land dazu.
Die Einblicke in das Land Jesu sind mir kostbar, und ich möchte mich bei allen Menschen bedanken, die sie mir ermöglicht und mir Emmaus-Erfahrungen geschenkt haben.

– Sr. Maria Illich SSpS (München)
verbrachte eine Sabbatzeit in Beit Emmaus
Die Zeit in Beit Emmaus, besonders die Ruhe des Gartens, inspirierte Sr. Maria zum Schreiben. Dabei entstanden auch die folgenden „Psalmen“:
Abend
Mit Inbrunst spricht der Muezzin sein Gebet. Er preist Dich auf seine Weise, Gott.
Es riecht die Erde anders als am Morgen. Die Menschen: in den Häusern, auf den Straßen, in den Autos... Wie warst Du heute mit ihnen an diesem Tag? Ich schaue in den Olivenhain: Wie wunderbar jeder der Olivenbäume Dich auf seine Weise preist. Ich hebe meinen Kopf und schaue in die Bäume: Einzigartig; nicht einer gleicht dem anderen. Ich höre die Grillen zirpen, ausdauernd, ohne Unterbrechung: Ob sie Dich alle loben mit dem, was Du in sie hineingelegt hast? Es wird dunkel und ich vertraue mich der Erde an, ohne Angst vor Schlagen: Bin ich auf dem Weg ins Vertrauen?
Wie viele Hände, wie viele Stunden haben Menschen das alles so wunderbar gepflegt? Ich preise Dich im Wind, der alles, was am Tag sich schützen wollte, vor der Sonne so wunderbar belebt.
Ich höre und werde still und staune, dass ist, was da ist: Deine wunderbare Schöpfung. Und ich sitze in der Waldkapelle, wo noch ein Licht brennt von der Eucharistie: Du bist mein Licht.
Lebensbaum
Wer gefunden hat braucht, nicht mehr suchen.
Habe ich dich gefunden, du, mein Lebensbaum?
Inmitten ähnlicher Bäume stehst du da: stark, hochgewachsen, aufrecht, mit vielen, vielen verdorrten Ästen; und dennoch bist du grün bis in die äußersten Wipfelchen.
Du bist klar, mit zarten Furchen im Stamm und hast eine große Lebenswunde, aus der noch immer Harz tropft.
Ein Zedernbaum – Lebensbaum – Urahne für mich.
Ich lehne mich an dich an...
Du hältst allem stand, ohne Wenn und Aber. Ich darf mich zumuten, mit allem Drum und Dran,
auch mit meiner Lebenswunde.
|
|
|