Die ersten Schultage
Schon als ich im Januar 2008 das erste Mal die Pflegeschule in Qubeibe besuchte, fühlte ich mich dort wie zu Hause. Ich war gerade zwei Jahre vorher ins Heilige Land gekommen und alles war noch fremd und unbekannt – die Sprachen, die Kultur und allem voran natürlich die politische Lage.
Neben den vielen Ausländern, die hier seit Jahren leben, waren es insbesondere die Palästinenser mit ihrer gastfreundlichen und hilfsbereiten Art, die mir meine Eingewöhnung in die neue Umgebung erleichtert haben. In einem der vielen Gespräche hörte ich dann auch das erste Mal von einer neuen Pflegeschule im Dorf Qubeibe. Da ich Kinderarzt bin, weckte der Ort sofort mein Interesse.
Mein erster Besuch in Qubeibe ist mir noch gut in Erinnerung. Mein erster Eindruck war der einer Art Oase: Inmitten der rauen Realität eines Lebens unter Besatzung gab es einen Ort voller Harmonie mit blühenden Gärten und Olivenhainen. Im Gespräch mit Sr. Hildegard erfuhr ich viel über die Pflegeschule – von den Anstrengungen, die es kostete, diese Vision in die Tat umzusetzen, und den Träumen für die Zukunft. Noch beeindruckter war ich, als ich schließlich die Schule selbst besichtigte: die Unterrichtsräume, die Bibliothek, die wissenschaftlichen Labors.
Nach diesem ersten Besuch dauerte es nicht lange, bis sich mir die Möglichkeit bot, an der Pflegeschule zu arbeiten. Da ich mich dort vom ersten Moment an sofort heimisch gefühlt hatte, ergriff ich natürlich die Gelegenheit und sagte zu. So unterrichtete ich im Sommersemester 2008 meinen ersten Kurs über Anatomie und Physiologie.
Ein Pflegeausbildungsprogramm aufzubauen ist nicht einfach, sondern eine komplexe und vielschichtige Aufgabe. Entscheidend ist dabei der allererste Studentenjahrgang, der zur Ausbildung zugelassen wird. Wie viele Jahrgänge auch kommen und gehen werden: Sie werden immer die Vorbilder, die „Pioniere“ bleiben. Deshalb achtete die Leitung der Pflegeschule besonders darauf, vielversprechende Bewerber auszusuchen, von denen man erwarten konnte, dass sie die vierjährige Ausbildung mit Erfolg abschließen würden.
Als ich mit dem Unterrichten begann, wusste ich nicht so recht, was ich erwarten sollte. Der erste Jahrgang bestand aus 21 jungen Männern und Frauen aus Qubeibe und Umgebung, von denen die meisten nur selten aus ihren Dörfern herausgekommen waren. Und nun erwarteten sie eine anspruchsvolle Ausbildung, neues Wissen, neue Perspektiven und Erfahrungen.
Es gab viele Hindernisse: Über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg zu unterrichten und zu lernen ist kräftezehrend. Doch die Studenten waren fest entschlossen bei der Sache und strengten sich an. Natürlich wurden sie auch von der Schulleitung immer wieder unterstützt und ermutigt. So wurde mir das Unterrichten zu einer wahren Freude und ist es bis heute geblieben.
Seit dem ersten Semester habe ich in jedem neuen Jahrgang unterrichtet und werde das hoffentlich auch in Zukunft tun. Aber ich denke, es ist natürlich, dass einem die ersten Studenten immer am meisten ans Herz wachsen. Als „Pioniere“ des Programms lastete ein besonderer Erfolgsdruck auf ihnen. Doch glücklicherweise – und dank ihrer harten Arbeit – haben sie es geschafft.
Wenn die Studenten im Juni ihren Abschluss machen werden, wird das nicht nur für sie, die ersten Absolventen der Pflegeschule Qubeibe, ein Grund zum Feiern sein. Sie werden als gut ausgebildete Krankenpfleger in die Arbeitswelt einsteigen. Und wir, die wir sie von Anfang an auf diesem Weg begleitet haben, werden uns erinnern. Wir werden an diese schüchternen und nervösen ersten Tage zurückdenken, an die Herausforderungen und Erfolge, an Freude und Enttäuschungen der darauf folgenden vier Jahre. Und wir werden stolz sein, sie jetzt als reife, selbstbewusste Erwachsene zu sehen, auf die eine vielversprechende Zukunft wartet.
Dr. John Harry Gunkel (San Antonio, Texas)
Dozent an der Pflegeschule
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