Was ist neu in der Pflege?
Ist überhaupt etwas neu in der Pflege? Nein, war unser erster Impuls; allen habibtis geht es gut. Bei näherer Betrachtung aber stellten wir fest, dass doch einiges in den letzten sechs Monaten passiert ist. In der täglichen Routine übersehen wir schnell die kleinen Dinge, die kleinen Veränderungen, die das Leben in Emmaus ausmachen. Obwohl sich die Tage ähneln, sind sie nie gleich – und gerade darin liegt das Besondere dieser Arbeit und unseres Zusammenlebens.
Ghaliyya und Muna hat der liebe Gott von ihrem Leiden erlöst. Allah yarhamhun!
Hiyam, eine kleine Frau aus einer Beduinenfamilie bei Hebron, war über den Winter für einige Monate bei uns und ging dann wieder zurück zu ihrer Familie.
Ebenfalls im Dezember kam Joula und hat sich seitdem bestens eingelebt. Sie erfreut uns durch ihre stets freundliche Art. Sie spricht zwar wenig, aber ihr charmantes Lächeln ist unschlagbar.

Im Januar ist auch Salwa Tabris Schwester Fadwa zu uns gekommen. So haben wir jetzt wieder ein Geschwisterpaar auf der Station. Schön! Fadwa kann bedingt durch ihr Alter und ihre Schwäche nicht mehr alleine leben und ist nun froh, die Zeit mit ihrer großen Schwester verbringen zu können. Sie kümmert sich rührend um sie und gemeinsam schauen sie oft interessiert die Nachrichten auf dem neuen Flachbild-Fernseher in ihrem Zimmer.
Bedingt durch diesen EInzug mussten wir auch ein wenig die Zimmerverteilung ändern: Im Issa ist zu Noël gezogen. Am Anfang bekundete Noël zwar ihren Unmut: „Ich will Su’ad zurück!“ – mittlerweile sind die beiden aber ein „Dreamteam“ geworden. Su’ad teilt sich nun das kleine Wintergartenzimmer mit Bothaina. So haben beide ihren Bereich und scheinen sich zu zweit sehr wohl zu fühlen.
Evon ist unsere „jüngste“ Bewohnerin. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, sich in ihrem neuen Zuhause zurechtzufinden, gewöhnt sie sich immer besser ein. Sie liebt es ihre Sachen zu packen und Dinge zu „verlegen“. – Wie oft haben wir schon ihre Brille gesucht! Sie nimmt gerne an unserem Abendgottesdienst teil und bereichert ihn durch ihre kraftvolle Stimme, wenn sie zum Beispiel das Vaterunser auf Arabisch mitbetet.
Zum Glück wird das Wetter jetzt besser und die Tage, an denen wir im Haus bleiben mussten und uns so langsam die Ideen für Beschäftigungen ausgingen, sind wohl bald vorbei. Vormittags und nachmittags zieht die altbekannte Gruppe bestehend aus Halima, Shafiqa, Tamani, Na’ma (1), Salwa, Na’ma (2), Bothaina, Su’ad und meistens auch Warda durch den Garten. Alle haben den ruhigen Winter gut überstanden und gehen wieder gerne hinaus – bis auf Warda, die etwas lauffaul geworden ist. Es braucht schon viel Überredungskunst und Zuspruch von Na’ma (1) um sie für einen Gang zu motivieren. Na’ma ist ja weiterhin der „Big Boss“ und hat alle habibtis fest im Griff.
Fatma und Stella haben zumeist ruhige Tage und sind froh, wenn die morgendliche Pflege und die Mobilisation überstanden sind. Beide tun ihren Unwillen darüber manchmal lautstark kund. Aber wenn es dann mal überstanden ist, freuen sie sich über ihre Mahlzeiten und auch über die ein oder andere kleine Süßigkeit am Nachmittag.
Die Dritte in diesem Zimmer, Alice, ist zurzeit wunderbar gelaunt und äußerst liebenswert. Sie ist wach, lustig, aufgeweckt und erfreut uns durch ihr fantastisches Mundharmonikaspiel. Sie kommt gerne abends mit in den Gottesdienst und bedankt sich sehr höflich für alles, was man ihr Gutes tut: Ihr „Thank you my dear; God bless you.“ („Danke meine Liebe; Gott segne dich.“) begleitet uns durch den Tag. Alice freut sich über den Frühling und genießt jede Minute, die sie draußen verbringen kann.
M argo, ihre treue Freundin mit neuer Kurzhaarfrisur, hat den Sommer eingeleitet. Sie trägt jetzt anstatt rosa Winterstiefel wieder Sommerschuhe.
Rifqa bleibt jetzt die meiste Zeit im Bett. Sie ist zu schwach um noch in den Rollstuhl mobilisiert zu werden. Ihre Töchter kommen sie regelmäßig freitags und samstags besuchen und kümmern sich rührend um ihre Mutter – und versorgen auch uns mit reichlich Süßigkeiten und sonstigen Aufmerksamkeiten.
Linda, Nahil und Mahziyya sind weiterhin ruhig und zufrieden. Sie freuen sich mal mehr, mal weniger über das Essen, über Mobilisation und Pflege, aber lassen fast alles auf ihre ruhige Art über sich ergehen.
Ganz im Gegensatz zu Amina, die durch ihr unermüdliches Rufen nach einer habibti sogar die sonst unendlich geduldigen Srs. Bernadette und Myriam kurzfristig aus der Ruhe bringen kann. Für Ratschläge, wie denn nun der Kopf oder das Bein liegen soll, ist ihr das gesamte Team dankbar. Ihr „Auto“ (d.h. ihr Rollstuhl) gehört nur ihr und sie ist äußert ärgerlich, wenn wir ihn mal kurzfristig ausleihen.
Im Samir verschafft sich durch ihr lautes Klopfen mit dem Trinkbecher Gehör und oft müssen die arabischen Mitarbeiterinnen beim Übersetzen helfen. Wenn wir dann herausgefunden haben, was sie möchte, schenkt sie uns manchmal ein Lächeln, welches für alle Mühen entschädigt – bis zum nächsten Klopfkonzert.
Mufida ist die Wahrsagerin schlechthin. Fast täglich liest sie die Zukunft aus der Hand oder auch aus dem Kaffeesatz. Unsere Volontärinnen können sich über zahlreiche Hochzeiten und einen wahren Kindersegen freuen – inshallah!
Die warme Frühlingsluft tut allen gut, besonders auch Ola, die die langen Spaziergänge im Garten genießt und dort auch gerne kleine Blumen pflückt – und isst.
Seit neuestem essen Halima und Susu mit den anderen am Tisch und freuen sich an der Gemeinschaft teilhaben zu dürfen.
Ja, wenn man einen Moment lang überlegt, stellt man fest: Vieles ist doch neu in der Pflege. Sind diese Veränderungen mitunter noch so klein – für unsere habibtis und damit auch für uns sind sie wichtig und beachtenswert.
Martina Kaupen und Lisa Kirchgäßner
Stationsleiterin bzw. Volontärin in Beit Emmaus
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