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Was ist der Mensch…?

 

„Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst...? (Ps 8,4-5)

 

Der Psalmist wundert sich. Dieser Gott, der einen so faszinierenden Sternenhimmel und einen so unüberschaubaren Kosmos geschaffen hat, erinnert sich an den dazu vergleichbar kleinen Menschen und nimmt sich seiner sogar an? Die Größe und Weite des Alls kann ins Staunen versetzen über die Erhabenheit, Kreativität, Weisheit und Kraft des Schöpfergottes, der unser Sonnensystem so weise ordnend erschaffen hat. Dem Psalmisten wird dadurch das Gottsein Gottes ganz neu bewusst und er kommt ins staunende Fragen, wer der Mensch angesichts Gottes eigentlich ist und wie seine Beziehung zu Gott aussieht. Neben diesen Fragen finden sich in den Psalmworten aber auch zwei besondere Aussagen über Gott: Dieser wundertätige Schöpfergott denkt an uns Menschen und er nimmt sich unser an!

 

Im Alten Testament gibt es dazu eine Geschichte, die von diesem „Denken“ und „Erinnern“ Gottes erzählt: Es ist die Geschichte von der Sintflut und dem Bund Gottes mit Noah. Die Sintflut erinnert uns einmal daran, dass unsere Welt gefährdet ist und die stabile Ordnung ins Wanken geraten, ja sogar untergehen kann – heute wie damals. In Israel/Palästina spürt man das wohl noch eher als im sicheren Europa, wenn der Nahostkonflikt sich wieder zuspitzt und Anschläge von beiden Seiten den Frieden bedrohen. Die Sintfluterzählung stellt einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Menschen und der Naturkatastrophe der Sintflut her und sagt deutlich, dass Menschen eine Verantwortung tragen hinsichtlich der Erhaltung der Schöpfung. Der Bund mit Noah erinnert uns aber noch an ein Zweites: Auch und gerade trotzdem, dass Menschen im Umgang miteinander und mit der Schöpfung scheitern, wird das Leben auf dieser Erde von anderer Seite doch erhalten. Und diese Stimme von der anderen Seite ruft uns durch den Regenbogen als Zeichen für Gottes unbedingte Treue gegenüber seiner Schöpfung zu: „Du Welt, ich vergesse dich nicht, sondern ich werde mich durch den Regenbogen erinnern lassen, dass ich rettend eingreifen werde, weil ich einen Heilsplan für dich habe.“ Das ist so sicher wie die Entstehung eines Regenbogens, wenn während oder nach einem Regenguss das Sonnenlicht auf die Regentropfen fällt, das Licht in ihnen gebrochen und reflektiert wird. So wie es in diesem naturwissenschaftlichen Zusammenhang keine Ausnahmen gibt, so unbedingt steht Gott auch zu seiner Schöpfung ohne Ausnahme und wendet sich ihr zu.

 

Was ist nun aber aus dem Verhältnis Gottes zum Menschen geworden? Soll der Mensch wie der Psalmist im Betrachten seiner Schöpfung die Größe Gottes preisen oder sich in dieser von verschiedenen Seiten bedrohten Schöpfung verzweifelt und unsicher fühlen? Gott hat darauf seine ganz eigene Antwort, die auf den ersten Blick gar nicht recht zu dem göttlichen Schöpfer des Himmels und der Erde passen mag. Er wird in gewisser Weise ganz menschlich: Er lässt sich von seiner eigenen Schöpfung erinnern, wie Menschen immer wieder erinnert werden müssen, und er macht einen konkreten Vertrag mit seiner Schöpfung mit Unterschrift in Form eines Regenbogens, wie Menschen das eben machen. Der große, erhabene Schöpfergott ist damit also nicht mehr fern, sondern spricht ganz deutlich: „Du Mensch, ich komme dir entgegen, ich fange an in deinen Kategorien zu denken und zu handeln, damit wir uns auf jeden Fall verstehen und du mir sicher vertrauen kannst, dass dein Leben in meiner Hand geschützt ist. Du darfst aber wissen, dass erinnern für mich nicht bedeutet, dass ich dich jemals vergessen habe, sondern vielmehr heißt: Ich helfe dir, wenn du an deiner Liebe scheiterst und die Welt nicht mehr lebenswert ist und untergeht. Ich stelle dein Leben auf eine neue, solide Grundlage, damit du weiter gehen kannst und neues Leben wieder möglich wird.“

 

So konkret menschlich, wie Gott sich in der Sintflutgeschichte vorstellt, so konkret durfte ich während meines Sozialprojektes von Dezember 2010 bis zum März 2011 rettendes Eingreifen durch Menschen in Emmaus-Qubeibe kennen lernen. Einmal im Monat machte ich mich auf den Weg von Jerusalem, wo ich acht Monate an der Dormitio-Abtei ein ökumenisches theologisches Studienprogramm absolvierte, nach Emmaus, um dort in der Pflege mitzuhelfen und in der Gemeinschaft mitzuleben, die mich herzlich aufnahm. Wie viel ein einzelnes Menschenleben wert ist und der Fürsorge und Liebe bedarf, ist mir während meiner Zeit bei den Salvatorianerinnen ganz neu aufgegangen. Auch dass genau diese Zuwendung zu den Schwachen und Vergessenen der Gesellschaft ihnen neues Leben schenkt, durfte ich auf der Krankenstation immer wieder entdecken. Wenn es manchmal scheint, dass Paläs-tina schwer zu tragen hat an der israelischen Besatzung und an den problematischen Bedingungen für Behinderte, Alte und Frauen in der arabischen Kultur, so konnte ich in Emmaus-Qubeibe einen lebensfrohen Kontrapunkt erleben, der neue Hoffnung schenkt. Ich werde mich bestimmt erinnern an das Erinnern Gottes, sein rettendes Eingreifen für die Menschen durch Menschen, wenn ich an Emmaus-Qubeibe zurückdenke – an den fürsorglichen Einsatz der Volontäre für ihre Patienten und die ausdauernde Arbeit der Schwestern, eine Oase der Menschenfreundlichkeit in der Westbank zu schaffen. Dank solcher Orte, die keine Unterschiede machen zwischen Gesunden und Kranken, zwischen Christen und Muslimen, kann die Antwort des Psalmisten auf die Frage „Was ist der Mensch...?“ hell erklingen: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Ps 8,6)

 

Mareike Kunz (Bensheim/Hessen)

absolvierte zwei Semester ihres

Theologiestudiums in Jerusalem

 

 

 

 

 

 

 

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