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Welch ein Freund ist unser Jesus

 

Zuerst fallen mir ihre Hände auf. Schlank, zart und schön liegen sie in ihrem Schoß. Es sind Hände, die sehr viel wissen und erinnern. Sie gehören zu Alice: Ihre grauen langen Haare sind in einem sorgfältigen Zopf geflochten. Mit gesenktem Kopf und tiefen Augenhöhlen sitzt sie in ihrem Sessel. Sie muss ihr Haupt nicht heben um ihre Umwelt wahrzunehmen, denn dazu hat sie ihre Ohren und Hände. Als ich mich neben sie setze, tastet sie meine Hand und erkennt mich bald: „Barbara? Mit Agnes?“ Meine kleine zweijährige Tochter Agnes ist dabei und Alice hält so gerne ihre kleine Hand. Ich frage Alice, welche Erinnerungen aus ihrem Leben besonders wichtig für sie sind. Da kichert Alice in der ihr eigenen sympathischen Weise. Was für eine Frage!

 

In Jaffa wurde sie geboren, mit schönen Augen, so wurde ihr erzählt. Ihre Mutter muss sehr ungebildet gewesen sein; sonst hätte sie erkennen müssen, dass Alice als kleines Mädchen, vielleicht mit drei Jahren, eine schwere Augeninfektion hatte, die zur Erblindung führte. Ein Missionar besuchte die Mutter und als er die geschwollenen Augen des kleinen Mädchens sah, schimpfte er die Mutter. Er gab ihr Geld für einen Arztbesuch, der jedoch das Augenlicht nicht mehr retten konnte. „Gottseidank kann ich mich an die Schmerzen nicht erinnern“, betont Alice mehrmals. Bald kam das blinde Mädchen in die Schneller-Schule für blinde Mädchen und Jungen in Jerusalem. An ihre Mutter hat Alice kaum Erinnerungen. Lebendig wird sie hingegen, als sie von ihrem neuen Leben in der Schneller-Schule berichtet: Ihre Blindenschriftlehrerin mochte sie sehr gerne. Alice erinnert sich, wie sie mit deren Schuhen spielte. Die Lehrerin war es auch, die ihr den Namen Alice gab – nach dem Namen ihrer besten Freundin. Eigentlich hieß Alice nämlich Loris.

 

Mit etwa acht Jahren wurde Alice von der Armenierin Siranoush adoptiert, die ihre Familie im Genozid der Türken an den Armeniern verloren hatte. Siranoush heißt übersetzt „süße Liebe“, sagt Alice lächelnd. „Süße Liebe“ – das war Siranoush für sie tatsächlich. Alice nannte sie Mutter – „Mama“. Ihre neue Mutter war Lehrerin in der Blindenschule und sorgte sich liebevoll um die kleine schmächtige Alice, die nicht gerne essen wollte. Mama war streng und schlau. Während des Krieges stahl sie Bücher zum Lernen, um die durchgehende Ausbildung von Alice zu gewährleisten.

Mit neun Jahren begann Alice damit die Bibel zu lesen. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Begabung fing sie bald an, selbst zu unterrichten. „Gottseidank hat mich der Herr mit dieser Gabe gesegnet!“ Alice weiß, dass ihre Fähigkeiten anderen Menschen auffielen und sie sieht diese als Geschenk Gottes.

 

Mama Siranoush eröffnete in Ramallah ein Heim für blinde Kinder. Dort hatte die anglikanisch getaufte Alice auch ihre Konfirmation. Gerne denkt sie an diese Zeit. Kinder durften sie besuchen und bekamen Kuchen und Tee. Die Mutter war auch sehr freundlich zu den Soldaten. Alice fand Freude am Nähen.

 

Im Heim der Mutter blieb Alice und arbeitete dort selbst als Lehrerin. An mehreren Orten wirkte Alice im Laufe ihres Lebens als Lehrerin. Sie nennt als wichtige Station die Helen-Keller-Schule in Beit Hanina bei Jerusalem, wo sie auch Schulbücher verfasste. Das Unterrichten war ihre große Berufung. Als ich frage, ob sie als Erwachsene Hobbies pflegte, lacht Alice wieder und entgegnet fast entrüstet „Nein, ich war doch Lehrerin!“ Wenn sie auf ihr Leben schaue, mache die Erinnerung an Mama Siranoush und an ihre Studenten sie am glücklichsten. Von ihnen träumt sie noch heute, und dabei spüre ich ein Leuchten in ihren verloschenen Augen.

 

Und noch ein Zweites gibt es, was sich Alice im Auf und Ab des Lebens als großes Glück bewahrte: das Singen. „Der Herr gab mir eine süße Stimme, um über der Erde zu singen“, so sagt sie es selbst. An Ostern und Weihnachten sang sie mit ihrem Chor im Radio, unbezahlt und mit großer Leidenschaft. Bis heute ist das zu erleben: Oft nimmt Alice am Gottesdienst der Emmaus-Gemeinschaft teil und singt zum Ende des Gottesdienstes mit ihrer inzwischen leise gewordenen Stimme ein anglikanisches Kirchenlied. Es rührt an, wenn diese kleine gebrechliche Frau im Rollstuhl in der Kapelle den Lobpreis anstimmt.

 

Alices Lieblingslied heißt „What a friend we have in Jesus“ – bei uns singt man es als „Welch ein Freund ist unser Jesus“. Ihren Freund Jesus lernte sie bereits als Kind kennen. Im Speiseraum der Schule befand sich ein großes Kreuz, das die kleine Alice zum Weinen brachte. So begann ihre Beziehung zu Jesus. Mehrfach erschien Jesus Alice. Wieder wird ihre Stimme lebendig und schwingt fast verliebt, wenn sie davon berichtet. Jesus saß neben ihr wie ein Hirte, dessen Füße sie berühren wollte. Doch Jesus ließ das nicht zu. Großes Glück erfüllte Alice bei dieser Begegnung. Als sie mir das erzählt, bin ich hilflos. Ich weiß, dass Alice immer wieder mit Psychosen zu kämpfen hatte. Was ist hier Realität und was ist Einbildung? Und gleichzeitig merke ich, dass mir ein Urteil nicht zusteht. Es ist das, was Alice erfahren hat und für sie die wichtigste Säule im Leben darstellt.

 

Im Gespräch mit Alice über ihre Lebenserinnerungen habe ich fast die Zeit vergessen. Meine kleine Tochter Agnes wird unruhig und hat Hunger. Alice ist mit ihrer Aufmerksamkeit sofort in der Gegenwart und sorgt sich um das Wohlergehen des kleinen Mädchens, das etwas zu essen bekommen soll. Da ist in der alten Frau im Pflegeheim Beit Emmaus die Lehrerin von früher zu erleben, für die das Befinden ihrer Schützlinge oberste Priorität hat. Mir wird deutlich: Diese Frau hat die ihr gegebenen Fähigkeiten in ihrem Leben wirklich fruchtbar werden lassen für andere. Ich glaube, es ist die Mischung aus nobler Bescheidenheit und fröhlicher Klugheit, die mich an ihr so fasziniert. Zum Abschied will Alice uns küssen. Ich spüre ihre weiche Wange und bin dankbar für die Nähe, die im Erinnern an ihr Leben entstehen konnte.

 

Barbara Haslbeck (Passau)

 

 

 

 

 

 

 

 

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