(Be-)sinnliche Erinnerungen
Die Erinnerung ist ein Fenster, durch das ich Dich sehen kann, wann immer ich will.
Verfasser unbekannt
Erinnern, Erinnerung, Erinnerungen – auch das Thema dieser Emmaus-Wege beschäftigte unsere Volontärsgemeinschaft.
Bei einem ersten Brainstorming stellte sich heraus, dass es die verschiedensten Arten der Erinnerung und ihrer Wahrnehmung gibt: Sie können schmecken, riechen und mit dem inneren Auge gesehen werden. So kam es zu besagter Überschrift – Erinnerungen mit allen Sinnen. Eine herzliche Einladung zur Reise der Erinnerungen mit Herz, Mund und Augen!
Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Antoine de Saint-Exupéry
Ich sehe was, was du auch siehst?
Plötzlich wache ich auf und denke: Oh nein, du hast bestimmt den Bahnhof Köln/Bonn Flughafen verpasst. Ich schaue nach rechts und dann nach oben: Das Anschnallzeichen leuchtet auf. Auf der linken Seite sehe ich aus meinem Fenster das Mittelmeer und viele kleine Boote. Etwas weiter ist Land in Sicht. Städte, Häuser, trockenes, steiniges Land und der Flughafen. Das ist das Land, in dem ich die nächsten Monate verbringen werde! In der Flughafenvorhalle sehe ich viele Menschen, aber kein Emmaus-Schild. Hastig nähert sich mir eine Schwester, die unterm Arm das besagte Schild hält. Ich gehe auf sie zu. Nach der herzlichen Begrüßung sitze ich mit ihr im Auto. Vor uns immer wieder einige komisch langsam fahrende Fahrzeuge. Rechts und links Zäune oder Mauern. Nach einiger Zeit kommen wir zum Checkpoint. Ein großes Tor, eine Schranke, ein Soldat mit Maschinengewehr, Bodenzacken, ein Soldat im Häuschen, eine weitere Schranke und drei dicke Bodenpoller. Das sind die ersten Sekunden in der Westbank. Der „Ausblick“ ändert sich: Kaputte Straßen mit vielen Bodenwellen, Müll an den Straßenrändern, streunende Katzen, Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, sowie Kleinbusse prägen das Bild. Hinzu kommt ein Tunnel, der unter einer israelischen Siedlerstraße durchführt. Die letzten Bilder aus dem Auto heraus sind zwei Supermärkte, die Kirche der Franziskaner und die Mauer sowie das große Tor, hinter welchem Beit Emmaus liegt. Das Eisentor schiebt sich langsam zur Seite. Ich sehe eine grüne Oase mit bunten Blumen, Kaktussen und Palmen. Im ersten Haus links führt mich eine Steintreppe nach oben ins Zimmer. Mein erster Blick gilt dem Tisch, auf dem ein kleiner Blumenstrauß, Karten und der „Engel der Geborgenheit“ auf mich warten. Das Zimmer ist einfach und beschaulich eingerichtet. Wenn ich nach draußen sehe, schaue ich durch Gitterstäbe. Ich gehe raus, sehe alte, junge Menschen, mit denen ich die nächste Zeit zusammen leben werde. Freundliche Gesichter; warmherzig werde ich empfangen. Mein Weg führt mich auf die Station; strahlende Gesichter laden mich ein hier zu arbeiten, die Gemeinschaft hier mitzuerleben und neue Dinge zu sehen.
Nathalie Jelen (Osnabrück) und Clara-Maria Eilers (Freiburg)
Das Wort gehört zur Hälfte dem, welcher spricht, und zur Hälfte dem, welcher hört.
Michel de Montaigne
Hier wird gehört!
23:15 Uhr: Nach einem anstrengenden Tag falle ich todmüde in „mein“ Bett – die erste Nacht in Emmaus. Ich liege einfach nur da und lasse die neue Umgebung auf mich wirken; in der Dunkelheit fallen mir vor allem die ungewohnten Geräusche auf. Besonders laut ist das Gebell von unseren Hunden, die nachts frei auf unserem Grundstück herumlaufen und ihr Revier gegen andere Hunde verteidigen.
23:45 Uhr: Die Hunde sind weg; so kann man den Lärm von der Straße hören. Da Ramadan ist, sind noch viele Leute wach. Man hört eine laute und mir fremde Sprache. Ich verstehe kein Wort.
00:00 Uhr: Ich werde wieder wach, denn auf Station schreit jemand. Darauf folgen hektische Schritte von der Nachtschwester. Bestimmt hatte jemand Angst oder hat schlecht geträumt. Es wird wieder ruhiger.
03:15 Uhr: Ein Mann mit einer Trommel läuft durch die Straßen und reißt mich aus dem Schlaf. Beim Frühstück erfahre ich, dass es der Ramadantrommler ist, der die Menschen daran erinnert, dass ab jetzt nicht mehr gegessen oder getrunken werden darf.
04:30 Uhr: Der Muezzin fängt an zu singen. Ich nehme ihn gleich mehrstimmig wahr, da man von Beit Emmaus aus nicht nur die Gebetsrufe aus Qubeibe, sondern auch die aus den Nachbarorten hört.
06:00 Uhr: Die Kirchenglocken machen mich endgültig wach. – Naja, dann kann ich ja auch aufstehen. Um sieben Uhr gibt es Frühstück und dann beginnt mein erster Arbeitstag. Mal schauen, was ich da alles hören kann.
Fazit dieser ersten Nacht: Emmaus schläft nie – man kann immer etwas hören.
Lisa Kirchgäßner und Florian Bittlmayer
Jedes Wort hat seinen Geruch: es gibt eine Harmonie und Disharmonie der Gerüche und also der Worte.
Friedrich Nietzsche
Ich kann dich gut riechen!
Wie war das noch bei der Ankunft in Tel Aviv? Was für ein Geruch! Gleich beim Aussteigen aus dem Flugzeug. Der Duft einer ganz anderen Welt stieg einem in die Nase. Die Hitze, die Trockenheit, der Staub. Selbst die fremde Sprache war Geruch.
Dann in Palästina, in der Westbank zeigten die Gerüche noch einmal eine ganz andere fremde, neue Welt – der Geruch von Plastik und von verbranntem Müll. Erste Erinnerungen an Zuhause, an die Heimat – in Deutschland ist das jedenfalls streng verboten!
Beit Emmaus – die Vielfalt der Gerüche in der Küche! Der Duft frischer Petersilie, frischer Minze und von frischem, noch warmem Brot. Vertraute Gerüche, die im Herzen ein wenig Heimat und Geborgenheit vermitteln. Dabei sind aber auch die vielen anderen Gerüche nicht zu vergessen, die einem in die Nase steigen, besonders von den orientalischen Speisen und Gewürzen.
Grundsätzlich kann man Emmaus gut riechen und das Bleiben und Leben hier ist stimmig. Gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz lassen Leben und Arbeiten hier in Emmaus gelingen.
Daniel Häger und Frederik Mönkediek
Der Mensch ist von Gott nie weiter entfernt als ein Gebet.
Mutter Teresa
Und zu guter Letzt...
... darf bei all dem sinnlichen auch die Be-Sinnung nicht vergessen werden, die uns trägt, Richtung weist und stärkt auf unserem Weg!
Schon vom ersten Tag in Emmaus waren wir eingeladen, an Gebetszeiten und Gottesdiensten teilzunehmen und diese mitzugestalten. Mit Texten, Liedern und Gebeten, mit Instrumenten und Gesang.
Hier in Emmaus ist es Tradition, den Geburtstag von Schwestern und Volontären besonders zu gestalten – auch mit einem Gebet. Kreativität ist gefragt und die Gabe, die Stärken und Talente der jeweiligen Person ins besondere Licht zu rücken und all dem Ausdruck zu geben in einer liebevollen und herzlichen Form.
Besondere Zeiten der Besinnung wie der Advent und die Fastenzeit sind hervorgehoben durch eine Einladung an Schwestern und Volontäre eine Abendbesinnung zu gestalten für und mit anderen. Impulse, die zum Nachdenken anregen, Texte, die in meine momentane Lebenssituation passen, mir Kraft und Mut geben auf dem Weg.
Es spielt keine Rolle, welche religiösen Vorerfahrungen man nach Emmaus mitbringt: Hier darf Jeder und Jede einfach Da-Sein, die Einladung zu den Gebetszeiten annehmen, sich mittragen lassen und in der Gewissheit leben: Ich bin von Gott gesegnet.
Lisa Wilms und Tamara Gropper
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