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Eines Tages kehren wir zurück…
Irgendwie sind es immer die kleinen, eigentlich unbedeutenden Ereignisse, die einem am längsten in Erinnerung bleiben. So geht es mir mit einer Begegnung, die ich vor einigen Jahren in Schweden mit einem gleichaltrigen Araber hatte. Wir hatten uns über dies und das unterhalten und kamen irgendwie auf Palästina zu sprechen: „Du hast in Palästina gelebt? Ich bin auch Palästinenser, ich komme aus Akko.“ Eine simple Aussage, deren eigentlicher Kern jedoch in den ungesagten Worten liegt. Denn Akko ist seit 1948 eine israelische Stadt und die wenigsten der heutigen arabischen Einwohner würden sich als Palästinenser bezeichnen. Vermutlich waren die Großeltern meines Gegenübers 1948/49 im Krieg aus Akko in eines der vielen Flüchtlingslager in der Westbank, Gaza oder einem der Nachbarländer geflohen. Dort wuchsen ihre Kinder auf, die ihrerseits nach Schweden auswanderten, wo schließlich mein Gegenüber geboren wurde. Er selbst war vermutlich nie in Akko gewesen und kannte die Stadt nur aus den Erzählungen seiner Großeltern und von vergilbten Fotos. Doch all das erwähnte er nicht – nur die Worte „Ich bin Palästinenser aus Akko.“
Wie gesagt: eigentlich eine unbedeutende Begegnung. Dennoch steht sie sinnbildlich für die Geschichte von mehreren Millionen Palästinensern, die (bzw. deren Eltern und Großeltern) seit 1948 fliehen mussten und nun in den Nachbarländern und über die gesamte Welt verstreut leben. All diese Menschen vereinen zwei Dinge: die Erinnerung an die alte Heimat und die Hoffnung: „Eines Tages werden wir zurückkehren.“ Dass die alte Heimat vermutlich für immer verloren ist, dass auf den Ruinen der arabischen Dörfer längst (jüdisch-)israelische Städte entstanden sind, ist dabei zweitrangig. Die Schlüssel zu den verlassenen Häusern werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben und wie ein Schatz gehütet – sind sie doch oft der letzte Beweis dafür, dass es die alte Heimat einmal gegeben hat.
Diese Erinnerung ist es, die es palästinensischen Politikern so schwer macht, eine akzeptable Lösung des Nahostkonflikts auszuhandeln. Freilich: Realistisch scheint es nicht, dass Israel es jemals zuließe, dass mehrere Millionen Araber in die Heimat ihrer Eltern und Großeltern im heutigen Staat Israel zurückkehren – sieht die jüdische Bevölkerung ihre demographische Vormacht doch schon seit Jahrzehnten durch die hohe Geburtenrate der israelischen Araber bedroht. Andererseits würde es wohl kein palästinensischer Unterhändler innenpolitisch überleben, den Israelis weitgehende Zugeständnisse in der Frage des Rückkehrrechts zu machen.
Um es auf eine unbequeme Wahrheit zu reduzieren: Ohne die Erinnerung an die Vertreibung gäbe es wohl keine Palästinenser. Denn so ungern man es in Ramallah, Gaza und Ostjerusalem hört: Eine homogene palästinensische Gesellschaft, geschweige denn einen eigenen Staat, wie man ihn heute fordert, gab es vor 1948 nicht. Unter osmanischer und britischer Herrschaft gab es lediglich „Araber“ – rivalisierende Clans und Großfamilien, Muslime und Christen, eine teils europäisierte Oberschicht in den Städten, Bauern und Beduinen auf dem Land. Zu „Palästinensern“ wurden sie erst durch die gemeinsame Erinnerung an die Nakba, die „Katastrophe“, wie die Ausrufung des Staates Israel und die damit verbundene Vertreibung Hunderttausender Araber bis heute genannt wird.
Szenen- und Perspektivenwechsel: Israel, Yom ha-Zikaron – der Gedenktag für die Soldaten und Zivilisten, die „für die Errichtung und Verteidigung des Staates Israel“ gefallen sind. Mit der gleichen Gewissheit, mit der palästinensische Flüchtlinge in der dritten Generation ihre Herkunft bekunden, mit derselben unumstößlichen Überzeugung singen gleichaltrige Israelis jene Lieder über Kameradschaft, Treue und Tod, die seit über einem halben Jahrhundert von einer Soldatengeneration an die nächste weitergegeben werden. Obwohl viele von ihnen selbst erst in den letzten Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion oder den USA, aus Äthiopien oder Ostindien nach Israel eingewandert sind – wie selbstverständlich „erinnern“ sie sich an die Schlachten des Unabhängigkeitskriegs, die „ihre“ Kameraden gekämpft haben, als seien sie selbst dabei gewesen.
Auch auf der israelischen Seite nimmt die Erinnerung eine zentrale Rolle ein, deren Wurzeln weit in der jüdischen Tradition zurückreichen: Schon in der Thora wird das Volk der Israeliten aufgefordert, die Erinnerung an die Errettung aus Ägypten von Generation zu Generation weiterzugeben. In der Diaspora war es der prophetische Satz „Nächstes Jahr in Jerusalem.“, der die Erinnerung an die spirituelle Heimat über Jahrhunderte wachhielt und der Hoffnung Ausdruck verlieh, eines Tages dorthin zurückzukehren. Diese Erinnerungsformeln hatten einen großen Anteil daran, dass die Juden trotz Jahrhunderten der Diaspora ihr Gemeinschaftsgefühl nicht verloren, und werden auch heute noch wie selbstverständlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Als jüdischer Staat hat Israel diese mitunter Jahrtausende alten Ereignisse genauso selbstverständlich in sein Geschichtsverständnis aufgenommen wie die Shoah oder die Kriege des 20. Jahrhunderts. All diese Ereignisse – ob religiöse Überlieferung oder tatsächliche Geschichte – sind zu einer kollektiven Erinnerung verschmolzen. Dabei ist nicht so wichtig, inwieweit die Familie des Einzelnen tatsächlich im Unabhängigkeitskrieg gekämpft hat, von den Nationalsozialisten verfolgt wurde oder gar beim Bundesschluss am Sinai dabei war. Als Mitglied der jüdisch-israelischen Gesellschaft hat er automatisch Teil an der kollektiven Erinnerung.
Wie „gesund“ diese kollektive Erinnerung ist, ist sicherlich fraglich. Denn die einprägsamsten Erinnerungen sind jene an Verfolgung und Kriege, aus denen die (jüdisch-)israelische Schicksalsgemeinschaft entstanden ist. Und in der Tat: Yom ha-Zikaron und Yom ha-Shoah, also der Gedenktag für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, sind die Tage im Jahr, an denen sich die (jüdischen) Israelis am stärksten als Nation wahrnehmen – an denen es egal ist, ob man aschkenasischer oder mizrachischer (d.h. europäischer oder orientalischer) Herkunft ist, ob man politisch dem rechten oder linken Lager nahesteht, ob man orthodoxer oder säkularer Jude ist. Im geteilten Leid, in der Erinnerung an – scheinbar – gemeinsam gekämpfte Schlachten, gemeinsam erlittene Verluste – letztlich auch im gemeinsamen Feindbild, verschwinden selbst die tiefsten gesellschaftlichen Gräben.
Dadurch zeigt diese gemeinschafts- und identitätsstiftende Bedeutung der Erinnerung aber auch, welchen schmalen Grat israelische Politiker auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden mit den Palästinensern beschreiten müssen: Nüchtern betrachtet würde wohl kein Weg an einem kompletten Rückzug aus den besetzten Gebieten vorbeiführen. Doch wie könnte ein solcher Schritt wahrgenommen werden, wenn nicht als unerträgliches Zugeständnis an den Feind, als Preisgabe jüdischen Lands, das über Jahrzehnte verlustreich verteidigt wurde, als weitere Niederlage in einer Jahrtausende alten Geschichte von Verlusten? Als die Siedlungen im Gazastreifen 2005 aufgelöst und 8000 Menschen (zwangs-)evakuiert wurden, führte dies bereits zu massiven Protesten in Israel. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn die Knesset über einen Abzug der halben Million Siedler aus der Westbank und Ostjerusalem auch nur offen nachdächte.
Ob nun das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge oder der fragile Zusammenhalt der israelischen Gesellschaft – beide Beispiele zeigen, wie emotional beladen die meisten Fragen auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden sind. Sie verdeutlichen, warum alle Verhandlungen letzten Endes gescheitert und so viele westliche Vermittler verzweifelt sind.
Die größte Hürde wurde dabei noch gar nicht genannt: die Jerusalemfrage, genauer gesagt: die Frage nach der Kontrolle über die Jerusalemer Altstadt. Wie soll man ein Gebiet teilen, das – nicht nur im übertragenen Sinne – einen Steinwurf voneinander entfernt zwei religiöse Heiligtümer beherbergt, die längst auch in der jeweiligen Erinnerungskultur zu zentralen Symbolen für den Verlust der Heimat und die (Sehnsucht nach) Wiederkehr geworden sind? Kein israelischer, kein palästinensischer Politiker könnte es sich je erlauben, in der Jerusalemfrage umfangreiche Zugeständnisse zu machen, ohne sein Gesicht, seine Macht – im schlimmsten Falle sogar sein Leben – zu verlieren.
Die Erinnerung daran, dass Felsendom, Al-Aqsa-Moschee und Klagemauer nicht erst seit 1948 unmittelbar nebeneinander liegen und sie dennoch die Jahrhunderte überdauert haben, wurde auf beiden Seiten innerhalb weniger Jahre unter den Eindrücken von Krieg, Verlusten, Gewalt und Gegengewalt begraben. Letztlich ist es aber genau diese Erinnerung an das friedliche Neben- und Miteinander, die es gilt, auf beiden Seiten wiederzuentdecken und wiederzubeleben. Denn ohne sie werden es wohl weder Israelis noch Palästinenser schaffen, über den eigenen Schatten zu springen und einen dauerhaften, ernstgemeinten Frieden auszuhandeln. Zugegeben: Sehr realistisch erscheint diese Vision nicht. Doch wer weiß? Vielleicht wird doch noch der Tag kommen, an dem beide Seiten den Punkt erreicht haben, an dem sich die Vernunft und die Sehnsucht nach Frieden durchsetzen. Die Hoffnung darauf dürfen wir nicht aufgeben.
Stefan Polt (Deidesheim)
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