|
|
Vertrauen ist ein Geschenk
Vertrauen, Zutrauen, Gottvertrauen, Misstrauen, fehlendes Vertrauen, blindes Vertrauen, enttäuschtes Vertrauen, spontanes Vertrauen, Selbstvertrauen – die unterschiedlichsten Formen des Vertrauens spielen im menschlichen Leben eine Rolle. Das Leben basiert auf Vertrauen und wird immer wieder durch enttäuschtes Vertrauen oder durch zu viel Misstrauen erschüttert. Oft trauen wir anderen Menschen etwas zu, was sie sich selbst nie zugetraut hätten, und können sie dadurch stärken oder ermuntern. In Partnerschaften und Freundschaften ist ein gesundes Vertrauen immens wichtig; trotzdem hört man immer wieder „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Doch eben diese Einstellung ist es, die dazu führt, dass menschliche Beziehungen in die Brüche gehen. Vertrauen verzichtet auf Kontrolle und gewinnt eben dadurch ihren hohen Wert, aber auch ihre ebenso hohe Verletzbarkeit.
Doch wie erlangt man Vertrauen? Kann man es bauen, sich angewöhnen, fordern? Vertrauen ist kein aktiver Vorgang, es beruht vielmehr auf Erfahrung und Intuition. Ob ich einem Menschen vertraue, liegt meistens daran, ob er mir sympathisc Das Vertrauen, das andere Menschen in uns setzen, erweitert unsere Möglichkeiten oder Fähigkeiten. Oft setzt unser (Gott-)Vertrauen dort ein, wo unser Selbstvertrauen längst aufgehört hat. Erleben kann man dies in außergewöhnlichen Herausforderungen, Situationen, die uns im Alltag selten begegnen oder von denen wir vorher nicht gedacht hätten, dass wir sie bewältigen können. Eine solche Herausforderung ist die Arbeit mit Menschen, die sich auf irgendeine Weise von uns unterscheiden. Weil sie krank oder alt sind, weil sie an Behinderungen leiden und besonderer Pflege bedürfen, weil sie traumatisiert oder verängstigt sind.
Hebräer 11,1 bezeichnet den Glauben als die „feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“. Ähnlich verhält es sich mit dem Vertrauen. Vertrauen heißt, sich einer Sache sicher zu sein, ohne ihren Ausgang zu kennen. „Blindes Vertrauen“ wird oft negativ als Dummheit oder Verklärtheit bewertet. Doch eigentlich beschreibt es lediglich eine Facette des Vertrauens: Es ist blind im besten Sinne. Es kontrolliert nicht und fordert keine Beweise. Ganz im Gegenteil: Beweise entwerten Vertrauen. Ebenso wie der Glaube nicht aus Zeichen und Beweisen, sondern aus sich selbst besteht, braucht Vertrauen keine weitere Evidenz. Vertrauen steht in einer wechselseitigen Beziehung zum Glauben. Ich kann nur auf etwas vertrauen, woran ich auch glaube. Genauso gewinnt mein Glaube aber an Wert durch das Vertrauen, das er mir ermöglicht. Es gibt viele wunderbare Texte über das Vertrauen der Menschen auf etwas oder auf jemanden wie folgendes Lied, das vor allem auf Beerdigungen oft gesungen wird:
So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: Wo du wirst geh’n und stehen, da nimm mich mit.
Man mag nun einwenden, es werde doch in jeder Sonntagspredigt gesagt, dass man auf Gott vertrauen und allein auf ihn setzen solle. Das Lied sage doch nichts Neues! Etwas grundlegend Neues ist es tatsächlich nicht, dass man im Letzten allein auf Gott vertrauen soll. Aber vielleicht müssen wir es uns deswegen immer wieder neu sagen, weil wir schnell vergessen oder gar nicht begriffen haben, was das bedeutet, auf Gott zu vertrauen! Ich denke, das kann man in seiner Ganzheit nur begreifen, wenn man zwei Dinge festhält: zum einen die Wichtigkeit, ein fühlender Mensch zu sein. Ein Mensch, der neben dem notwendigen „kühlen Kopf“ sich auch die Fähigkeit bewahrt hat, Gefühle zu empfinden, der in aller Radikalität erleben kann, wie widersprüchlich und zutiefst verwirrend Gefühle sein können. Und zum anderen, mit Mut seiner Ängste Herr zu werden und aus der Enge und der Fantasielosigkeit in die Buntheit, Verrücktheit und Widersprüchlichkeit des Lebens selbst einzutreten. Ich denke, die schlichte Schönheit des Liedtextes rührt von ihrer Beschreibung eines ungebrochenen und tiefen Gottvertrauens her, das insbesondere im Motiv der Handergreifung seinen Ausdruck findet. Auch die Heilige Schrift kennt dieses Bild; wir finden es im Psalm 73:
Und ich bin immer bei Dir; Du hast mich genommen an meiner rechten Hand. Nach deinem Rat wirst Du mich führen; und hernach wirst auf Ehre hin Du mich aufnehmen. Wer ist für mich im Himmel? Mit Dir will ich nichts auf der Erde. Mein Fleisch und mein Herz werden vergehen; der Fels meines Herzens und mein Erbteil ist Gott für die Ewigkeit.
Insbesondere anhand des letzten Verses wird bewusst, dass Vertrauen vor allem im Angesicht des Todes hilfreich ist. Wir alle haben Angst vor dem Sterben unserer Lieben wie auch vor unserem eigenen Tod. Vertrauen mag uns dabei helfen, die Angst zwar nicht zu besiegen, wohl aber in ihr zu bestehen. Ein Beispiel dafür ist folgende Begebenheit von Alice, einer Patientin in Emmaus: An manchen Tagen wollte sie nicht ihr Nachthemd anziehen, sondern ihr schönes Kleid, welches sie den ganzen Tag getragen hatte, anbehalten. Sie war sich an solchen Tagen immer sicher, dass sie in der Nacht sterben würde. Wenn sie sterbe und zum Herrn komme, dann müsse sie doch schön gewandet vor ihn treten, so ihr Argument. Ob Alice Angst vor dem Tod hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hatte sie ein tiefes Vertrauen darauf, dass sie im Tod nicht ins Nichts fallen, sondern von Gott an der Hand genommen würde. Auch unabhängig von der Konfrontation mit dem Tod lehrte mich die Zeit in Emmaus, wie wichtig Vertrauen ist: Viele Fragen taten sich zu Beginn des Volontariats auf: Wirst Du für die Patientinnen da sein und ihnen das nötige Maß an Aufmerksamkeit und Wärme zukommen lassen können? Besonders drängend natürlich die Frage, wie man mit den schlimmen Schicksalen einzelner Patientinnen umgeht. In diesen Momenten des Zweifelns war das Vertrauen, das mir von den Menschen vor Ort entgegengebracht wurde, ebenso hilfreich wie mein eigenes Gottvertrauen. Vertrauen kann also nicht kreiert oder erarbeitet werden. Es kann nur von anderen Menschen oder von Gott geschenkt werden.
– Milena Hasselmann (Marburg)und Dominik Kern (Tübingen) ehemaliger Volontär in Beit Emmaus; beide verbrachten ein Jahr ihres Theologiestudiums in Jerusalem
|
|
|
|
(c) Deutscher Verein vom Heiligen Lande - 2012 mail[[at]heilig-land-verein.de |