1012_taegliche_vertrauensfrage

 

Von der täglichen Vertrauensfrage

Ob es die Fahrt in einem palästinensischen Sherut (Sammeltaxi) ist, die Begegnung mit Soldaten am Checkpoint oder die Arbeit in der Pflege: Es gibt viele Situationen im Alltag unserer Zivis, Volontärinnen und Krankenpflegeschüler, die ihnen ein großes Maß an Vertrauen abfordern: Vertrauen darauf, dass sie sicher am Ziel ihrer Fahrt ankommen, Vertrauen, dass sie den ihnen anvertrauten Frauen das nötige Maß an Pflege und Aufmerksamkeit zukommen lassen – letztlich auch Vertrauen auf Gott, dass ER ihnen ihren Weg weist. Über diesen Alltag, der oft so anders ist, als man es gewohnt ist, und die Frage nach dem Vertrauen haben sich unsere Volos ihre Gedanken gemacht.

 

Lisa Andrea: Seid ihr gut aus Tabgha zurückgekommen?

 

Steffi: Ja, es ging alles ohne Probleme: Erst von Tabgha nach Jerusalem und dann über Ramallah nach Emmaus. Nicht mal am Checkpoint gab es Probleme.

Daniel: Die Sherutfahrten zwischen Ramallah und Emmaus sind echt super! Am besten ist der Tunnel unter der Siedlerstraße hindurch. Dort treten die Fahrer immer richtig aufs Gas. Eine solche Fahrt fordert wirklich eine Menge Vertrauen.

 

Lisa: Da hast du Recht. Aber eigentlich habe ich mich daran schon gewöhnt. Ich meine, inzwischen schnallen wir uns ja eh nur noch an, wenn wir mit den Schwestern oder mit einem Pater im Auto mitfahren.

 

Daniel: Eigentlich schnalle ich mich immer nur für den Checkpoint an.

 

Florian: Und der Checkpoint ist ja sowie so eine Sache für sich. Entweder du bleibst als einziger im Bus sitzen und musst mit einem Soldaten reden, dessen Maschinengewehr dir vor der Nase baumelt…

 

Frederik: Vertrau einfach darauf, dass das Gewehr gesichert ist!

Florian: Genau. Oder du steigst wie alle anderen aus und gehst mit den Palästinensern durch diesen Gittergang. Da kommst du dir dann vor wie die Tiere, die zum Schlachter geführt werden. Und natürlich weißt du nicht, was die Soldaten dann alles wissen wollen, bevor sie dich durchlassen. Meistens musst du ja nur dein Visum zeigen und kannst gehen. Aber manchmal wollen sie ja auch genau wissen, wo du herkommst, wo du hinwillst…

 

Tamara: Nehmt ihr eigentlich immer den Bus oder seid ihr auch mal getrampt?

 

Galina: Ja, trampen mussten wir auch hin und wieder.

 

Steffi: Ich habe mich dabei schon manchmal echt unwohl gefühlt. Ich meine, man weiß ja nie, was für eine Person das ist, zu der man gerade ins Auto steigt. Woher soll man wissen, ob derjenige einen wirklich dorthin mitnimmt, wo man hinwill?

Tamara: Wir sind auch öfters getrampt. Und das ist schon ein Abenteuer für sich. Eigentlich fahre ich lieber Bus.

 

Lisa: Aber wisst ihr, was mir da einfällt? Die Sicherheitsleute, die immer vor den Geschäften und Cafés stehen. Also am Anfang waren mir die immer ein wenig unheimlich. Aber inzwischen habe ich mich an sie gewöhnt. Und irgendwie vertraut man ihnen ja auch und fühlt sich ein Stück weit sicherer vor einem Anschlag…

 

Florian: Pass auf: Am Ende wirst du diese Kontrollen noch vermissen, wenn du wieder daheim bist…

 

Lisa: Wobei es ja überhaupt für uns alle ein großer Schritt war, nach Emmaus zu kommen: Familie und Freunde zu verlassen, eigentlich all die Menschen, denen man vertraut; in ein fremdes Land zu gehen, dessen Menschen und Kultur man nicht kennt – mal ganz abgesehen von den Gefahren, die es hier gibt…

 

Tamara: Also ich schaffe das nur mit Gottvertrauen. Das ist für mich ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens – nicht nur hier in Emmaus. Dieses Vertrauen hilft mir, mich neuen Anforderungen gewachsen zu fühlen und mein Selbstvertrauen zu bewahren. ER steht in jeder Lebenssituation zu mir.

Lisa: Dass ich auf Gott vertrauen kann, weiß ich auch. Aber ob er alleine mein Selbstvertrauen aufbauen kann, bin ich mir nicht ganz sicher. Denn Mut braucht man hier ja auch. Und Rückgrat. Gestern habe ich einer Patientin erklärt, dass ich keine ausgebildete Krankenpflegerin bin, noch nicht einmal Altenpflegerin – sondern einfach nur Volontärin. Sie wollte mir erst gar nicht glauben, dass ich es ohne Ausbildung schaffe, sie zu waschen. Aber es hat dann doch alles geklappt.

 

Galina: Ja, etwas zuzugeben erfordert Mut. Wenn man sich jemandem anvertrauen will, muss man dieser Person voll und ganz vertrauen können. Denn es soll ja nicht gleich alles weitererzählt werden…

 

Tamara: Natürlich kann man zu einem Priester gehen, denn der unterliegt ja der Schweigepflicht. Aber es ist auch immer gut, hier einen guten Freund zu haben, um über bestimmte Ereignisse und Situationen zu sprechen. Und auch der Kontakt nach Hause ist mir sehr wichtig.

 

Jenny: Ja, es ist wichtig, füreinander da zu sein, sich Unterstützung und Zuspruch zu geben und den anderen aufzumuntern, wenn er traurig ist oder von Zweifeln geplagt wird.

Frederik: An sich baut jede zwischenmenschliche Beziehung auf Vertrauen auf. Denn bevor man sich jemandem öffnet, muss man ja wissen, woran man bei ihm ist, ob man ihm vertrauen kann…

 

Lisa Andrea: Es ist wichtig, sich so geben zu können, wie man ist, und sich nicht verstellen zu müssen.

 

Lisa: Manchmal ist es auch schwierig, zu tun, was von dir erwartet wird.

 

Florian: Das ging mir neulich bei der Arbeit so, als wir mit Steinen nach einem Hund werfen mussten, um ihn zu vertreiben. Einerseits wollen wir ja die wilden Hunde nicht im Garten haben. Andererseits ist es auch nicht einfach, Steine nach einem Lebewesen zu werfen…

Daniel: Aber glücklicherweise ist das ja nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Hauptsächlich kümmern wir uns ja um die Mauern, die Zisternen und all das, was hier so an Reparaturarbeiten anfällt. Und natürlich um den Wald und den Garten. Letzte Woche haben wir erst die ganzen kleinen Bäume gewässert, damit sie nicht eingehen, bevor der Regen kommt.

 

Lisa: Da wird einem erst richtig bewusst, wie kostbar Wasser eigentlich ist, mit welcher Vorfreude wir die ersten Regentropfen im Herbst erwarten und wie sehr wir darauf vertrauen, dass der Regen nicht allzu lange auf sich warten lässt…

Frederik: Ja, irgendwie sieht man hier vieles mit anderen Augen und merkt, was für ein behütetes Leben wir eigentlich in Deutschland hatten.

 

Tamara: Hier in Palästina wirst du echt mit allem möglichen konfrontiert: Schlangen, Skorpione…

Lisa Andrea: Aber es sind ja nicht nur diese Dinge, sondern auch die politische Situation hier im Nahen Osten: Wenn man sich das von Deutschland aus anschaut, denkt man immer, dass es doch eigentlich möglich sein müsste, hier endlich Frieden zu schaffen. So schwer kann das doch nicht sein. Aber wenn ich dann abends die hell orange erleuchtete Siedlerstraße sehe, frage ich mich schon, wie das hier nur alles weitergehen soll...

 

Daniel: Mehr als darauf zu vertrauen, dass uns und unseren Freunden hier nichts passiert, können wir im Endeffekt auch nicht...

 

Florian: Ich denke, viele der Dinge, die wir hier erleben, werden uns prägen und vielleicht auch ein Stück weit unsere Zukunft bestimmen. Wenn wir hier ein Jahr in der Gemeinschaft leben wollen, funktioniert das nur, wenn wir uns gegenseitig Vertrauen schenken. Und wenn wir mit den Stärken und Schwächen der anderen leben. Ich glaube, wir haben hier wirklich eine große Chance, uns weiterzuentwickeln.

 

Lisa: Das stimmt. Und mit dem Vertrauen ist es letztlich wie mit der Liebe: Man kann es nicht kaufen. Man kann es nur schenken.

 

 

 

 

 

 

 

 

(c) Deutscher Verein vom Heiligen Lande - 2012     mail[[at]heilig-land-verein.de