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Was ist neu in der Pflege?
Nichts ist neu in der Pflege. Es gibt die verschiedensten Lehrmeinungen, wie man eine habibti vom Bett in den Rollstuhl und wieder zurück befördert – allein oder zu zweit, festhalten an der Schutzhose, am Gewand, an Beinen und Armen, übers Knie, oder einfach ein Schulterwurf. In Beit Emmaus werden alle Techniken toleriert und praktiziert. Diesbezüglich kann man sagen: Nichts ist neu in der Pflege. Eigentlich wäre es uns am liebsten, wenn wir dasselbe auch von der Station sagen könnten: „Alles ist beim Alten geblieben.“ Leider müssen wir diese Aussage auf „Vieles ist beim Alten geblieben.“ einschränken. Na’ma (1) ist nicht zu überhören. Sie ist vom Ehrgeiz getrieben, eine tragende Rolle im Regime der Station zu übernehmen. Sie versucht, diese Position durch ihre wirkliche Hilfsbereitschaft, aber auch durch ihre Autorität, ihren lautstarken Führungsanspruch bei den habibtis zu erlangen und zu festigen.
Warda weiß: Sie kann sich in allen Dingen, die ihr wichtig sind, auf die Fürsorge und Kontrolle von Na’ma verlassen und unbesorgt ihrer Trägheit frönen. Sie ist dankbar für alles, wodurch sie sich eine Anstrengung erspart. Sie ist eine der ersten, die bei den täglichen Rundgängen streikt und sich auf die nächste Bank setzt und dort sitzen bleibt. Nichts, nicht einmal Na’ma, kann sie zum Weitergehen überreden. Na’ma (2) genießt das Privileg, als Einzige beim Frühstück zwei Tassen Kaffee zu bekommen. Stolz und dankbar schaut sie dir beim Eingießen zu: das rechte Auge von links, das linke von rechts. Dann kommt die spannende Frage: Wer wird bzw. darf mich heute waschen? Es ist eine Auszeichnung, möglichst früh „abgeholt“ und ins Badezimmer geführt zu werden. Na’ma weiß das zu schätzen und gibt sich ganz sanft und pflegeleicht. An manchen Tagen kann sie ausgesprochen laut und aggressiv sein – so sehr, dass auch die habibtis gefährdet sind. Nur ihr Teddybär kann sie an diesen Tagen besänftigen.
Sie geht auf und ab, ist hier und dort, murmelt vor sich hin, beobachtet alles, bleibt auf Distanz. Das ist Salwa. Manchmal ist sie depressiv, abweisend und aggressiv. Zum Glück gibt sich dieser Zustand und wir können beobachten, wie sie der Küche beim Gemüseputzen hilft. Wenn irgendwo lautes Gelächter ertönt, ist es Tamani. Sie versucht, alle mit ihrem Lachen anzustecken, Aufmerksamkeit zu erregen. Nicht immer gelingt ihr das, oft wird sie übergangen. Trotzdem: Nichts kann ihre gute Laune verderben; alles was ihr zustößt, regt sie zum Lachen an. Dabei strahlt sie einen mit leuchtenden Augen an. Das Leben auf der Station ist um einiges leichter, seit Bothainas Reinlichkeitsdrang gedrosselt ist – das heißt seit sie sich nicht mehr zu jeder Tages- und Nachtzeit mit und ohne Gewand unter die Dusche stellt. Jetzt ist sie willig und fügsam; beim Spaziergang trottet sie hinter der Gruppe her, murmelt Unverständliches vor sich hin und lächelt dabei. Es ist unglaublich, wie sie aus sich herausgeht, wenn sie uns in der Laube etwas vortrommelt. Bei Alice hat sich Einiges geändert: Sie hat gelernt einzusehen, dass man Pampers auch ohne das direkte Eingreifen Gottes („Oh Herr, bitte hilf ihr mit meinen Pampers.“) anlegen kann; sie hat eingesehen, dass sie auf ihr Betthupferl, Acamol, verzichten kann – auch ohne diese Wunderpille findet sie Schlaf. Leider ziert sie sich in letzter Zeit mit dem Mundharmonikaspielen im Garten. Kann sein, dass ihr der Herbst zusetzt.
Stella hat viel erlebt. Jetzt nutzt sie ihre Zeit zum Nachdenken. Sie pflegt ihr Alleinsein, jede Form der Einmischung betrachtet sie als Sakrileg. „Um Gottes Willen – lasst mich in Frieden.“ ist ihre inständige Bitte. Trotz heftigen Widerstands können wir uns nicht immer daran halten. Wenn alles vorbei ist, beruhigt sie sich und wendet sie sich ab und wieder ganz ihren Gedanken zu. Ghaliyya, die uns immer nach unserer Mittagspause auf Das Kinderzimmer wird immer das Kinderzimmer bleiben, obwohl Shafiqa, Susu, Shadiyya, Halima und Ola längst keine Kinder mehr sind.
Jeden Morgen gibt es eine Auseinandersetzung mit Shafiqa: Pampers oder nicht Pampers, das ist hier die Frage. Die Antwort hängt von Shafiqas Überredungskunst, dem Vertrauen in ihre Disziplin bzw. unserer Willensstärke ab. Pampers hin oder Pampers her, beim Spazierengehen beweist sie ihre Verlässlichkeit und mütterlichen Instinkte. Immer hat sie eine der habibtis an der Hand und lässt nicht los, bis das Ziel erreicht ist – ein Sitzplatz in der Laube und ein Becher Wasser. Ein Ärgernis ist ihr großes Repertoire an Schimpfwörtern, mit denen sie nicht hinterm Berg hält.
Susus Fähigkeit, ihren Charme so einzusetzen, dass man ihr schwer böse sein kann, obwohl sie manchmal unsere Geduld auf eine harte Probe stellt, ist ungebrochen. Wenn Pilgergruppen die Station besuchen, ist sie voll und ganz in ihrem Element. Sie überbietet sich fast, wenn sie mit ihrer rhythmisch-tänzerischen Ein-Frau-Show im Rollstuhl, manchmal mit einer Decke auf den Knien, bei den Gästen Bewunderung auslöst. Shadiyya ist schon längst nicht mehr Susus Tanzpartnerin. Sie liegt nur mehr apathisch im Bett. Beim Essen schnalzt sie nach wie vor zwischen zwei Löffeln ein- bis zweimal mit der Zunge, manchmal gibt sie Zischlaute von sich wie in der guten alten Zeit. Halimas Wandertrieb hat mit der Zeit abgenommen, ihre Rastlosigkeit äußert sie durch Nonstop-Klatschen. An ihrem Beat kann man erkennen, ob sie sich wohlfühlt oder nicht. Wenn ihr alles gegen den Strich geht, öffnet sie ihr zweites Auge und quietscht dazu. Auch sie will ernst genommen werden und ihren Willen durchsetzen. Bei Ola wissen wir nie, was der Tag mit ihr bringen wird. Ihr Verhalten erinnert an das englische Kindergedicht: „Wenn sie brav war, war sie sehr brav. Aber wenn sie böse war, war sie schrecklich.“
Diesmal haben sie mit ihrer Drohung Beit Emmaus für immer zu verlassen ernst gemacht: Im Amina und Amina (1) sind ausgezogen mit der festen Überzeugung, dass die Bedingungen zu Hause ihren Ansprüchen besser entsprechen. Mit Trauer haben wir gehört, dass Amina völlig unerwartet verstorben ist. Allah yarhamha! Im Amina ist mittlerweile in einem anderen Altersheim. A Zwei Wochen später kam Fatma nach Emmaus. Sie ist sehr ruhig und liebt unseren Garten. So denken wir, dass sie uns nicht so bald verlassen wird. Wenn wir in mezzoforte ansteigend bis fortissimo den Ruf „Habibtiii!“ hören, wissen wir, dass Amina (2) etwas braucht, etwas sofort braucht. In der Früh kann sie es nicht erwarten, „nach Pakistan“ geführt zu werden, während die anderen in den Garten (= bustan) müssen. Seit ihrem Spitalsaufenthalt hat sich Linda ihre eigene Welt aufgebaut. Sie ist sehr mitteilsam und würde uns gerne mit einbeziehen. Sie ist dann enttäuscht, dass nur selten jemand Zeit hat ihr zuzuhören – nicht nur aus Zeitmangel, sondern auch weil ihre Erzählungen für Nicht-Eingeweihte unverständlich sind.
Jamila hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, ob sie sich weiterhin der liebevollen Pflege à la Emmaus überlassen oder doch den Schritt ins Unbekannte, das ewige Leben, wagen soll. Wahrscheinlich haben ihr Müdigkeit und der Wunsch nach Veränderung die Entscheidung abgenommen und ihr den Abschied von uns erleichtert. Klein, unhörbar und wachsam, das war Najiwa. Sie war eine große Hilfe für die Nachtwache. Ganz leise ist sie aus dem Bett gestiegen, hat geprüft, ob alle Lichtschalter funktionieren, sich sorgfältig die für diesen Zeitpunkt passende Toilette ausgesucht, in der man sie dann finden musste. Es war ihr eine Genugtuung, wenn es ihr gelungen ist sich zu überzeugen, dass der Aufzug fahrtüchtig ist. Still und leise, wie es ihre Art war, ist sie dann doch alleine in den Lift gestiegen und hat die Fahrt ganz nach oben angetreten und uns mit der Erinnerung an sie zurückgelassen. Allah yarhamhun! Nahil liegt im Bett, ringt die Hände, manchmal hat sie sogar die Augen offen. Bei der nächtlichen Kontrolle merkst du, dass sie trotzdem schläft. Sie widersetzt sich den notwendigen Eingriffen mit ihrem ganzen Gewicht und ihrer ganzen Kraft. Wenn sie wieder zugedeckt ist, streckt sie die Hand nach dir aus, will dir etwas sagen. Ist es Dankbarkeit oder das Verlangen nach noch mehr Zuwendung, oder beides?
Mufida braucht Kontinuität und Ordnung, alles hat seine Zeit, alles hat seinen unverrückbaren Platz. Da muss man schon einsehen, dass sie unerbittlich ist, wenn es um die Wahrung ihres Systems geht, und darf ihr wiederholtes Rufen nicht als Ungeduld werten, sondern schlicht als Schutzmaßnahme. Seit Anfang Juli gehört Mahziyya zu den habibtis. Es hat nicht lange gedauert, bis sie sich an ihre neue Bleibe gewöhnt hat. – Der Ruf nach ihrer Schwester Halima ist selten geworden. Wir versorgen sie gerne, erfreuen uns an ihren lustigen Augen und ihrem – für uns leider unverständlichen – Gebrummel und ihrem Dank „Yasallim idêki!“ (wörtlich: „ER segne deine Hände!“).
Ganz still, bescheiden und dankbar gibt sich Margo. Sie freut sich, wenn sie helfen kann. – Sei es, dass sie nach jedem Essen die Lätzchen reinigt und ordentlich wegräumt oder sich liebevoll um Alice kümmert, die diese Unterstützung sehr zu schätzen weiß. Ungern geht sie ins Bett, wendet ihre ganze Überredungskunst an, um die Schlafenszeit hinauszuzögern. Lieber schläft sie in einer unbequemen Stellung im Salon als im Bett. Anfang Juli ist Muna zu uns gekommen. Sie ist 40 Jahre alt, hat Multiple Sklerose und einen Mann mit zwei Kindern in Bethlehem. Wir haben sie sofort ins Herz geschlossen. Sie freut sich über jede Zuwendung und Dienstleistung und lächelt uns mit ihren großen, sprechenden Augen dankbar an. Es bedrückt uns, dass wir so wenig beitragen können, um ihr tragisches Los zu erleichtern. Aus Rifqas Reise nach Amerika ist nichts geworden. Trost sind ihr die regelmäßigen Besuche ihrer Tochter Susi. Wir freuen uns auf Freitag, wenn Susi kommt, denn sie bringt Herzlichkeit und Leben auf die Station. Für sie, die aus Nablus kommt, und ihre Schwester aus Jerusalem bietet sich Beit Emmaus als guter Treffpunkt an. Aufgrund der Einreiserestriktionen ist es schwierig, unmöglich für die beiden sich außerhalb der Westbank zu sehen. Dann bemühen sich ihre beiden Töchter, mitunter auch Rifqas Enkel, um ihr Wohlergehen. Nachtdienst, das Licht wird aufgedreht. Du kommst in ihr Zimmer, noch im Halbschlaf legt sie provokant ihre Hand auf ihren voluminösen Bauch, du näherst dich ihrem Bett, mit der zweiten Hand schützt sie die andere Hälfte ihres Bauches, lautes Wehgeschrei ertönt: „Yemma!“ Dann sie schaut dich mit beiden Augen an. Im Marwan ist bereit zum Kampf. Sie setzt all ihre Kräfte ein, um dich daran zu hindern, ihre alte Schutzhose mit einer frischen zu vertauschen. Sie darf sich alles leisten und nützt das weidlich aus. Man ist immer bereit ihr zu verzeihen. Schließlich ist sie schon über hundert Jahre alt. Nicht immer ist es leicht, Sitt Salwas Wünschen gerecht zu werden. Sie leidet unter ihrer Hilflosigkeit und Abhängigkeit, die sie davon abhalten, selbständig für ihre verschiedenen Sonderwünsche zu sorgen. Trost und Ablenkung scheint sie beim Hören von Musik, hauptsächlich Mozart, zu finden.
Im Issa ist eine der Zielpersonen von Na’ma (1). Geduldig und gefügig unterwirft sie sich ihrem unerbittlichen Diktat. Eigentlich würde sie gerne den Großteil des Tages in ihrem Bett liegend und schlafend verbringen. Sr. Maksi erweist sich ebenfalls als Störfaktor in Im Issas Streben nach Ruhe. Mit der für sie typischen Strenge besteht sie darauf, dass Im Issa zumindest vormittags in den Garten geht. Still, ergeben und unauffällig sitzt sie dann in der Laube. Su’ad kann sich so richtig freuen und will uns an ihrer Freude teilhaben lassen. Aber wenn es „Auf in den Garten“ heißt, ist es aus mit ihrer Freude. Sie protestiert mit aller Vehemenz. Schon auf der Treppe scheint sie ihre Meinung geändert zu haben und wenig später sieht man sie, wie sie zufrieden mit sich und der Welt im Garten selbständig ihre Runden dreht. Bei Noël ist alles so, wie es immer war. Sie legt viel Wert auf ihre Kleidung, weiß alle Geburtstage der Schwestern und Volontärinnen, der Volontäre und spielt für die Jubilarin, den Jubilar „Happy Birthday“ auf dem Klavier. Für ihr Leben gern isst sie Leberwurst. Weder ihr selbst noch einem von uns gelingt es, ihre session (also die Stimmen, die sie hört) dauerhaft zu vertreiben. Ihr oft hilfloser Gesichtsausdruck verrät, wie sehr sie darunter leidet, ständig verfolgt zu werden. Vieles ist gleich geblieben – hamdullilah – Einiges hat sich verändert, ist neu. Eine einzige Sache ist jedoch seit jeher unverändert geblieben, es scheint unvermeidlich: die Tatsache, dass es jeder der habibtis immer wieder aufs Neue gelingt, uns auf ihre ganz besondere Art und Weise ans Herz zu wachsen. Deswegen setzen wir uns gerne für sie ein und haben Freude an unserer Arbeit. – Renate Boldizsar (Wien)
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