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Harmlos ist das nicht…
In der Abflughalle an den Gates im Flughafen Ben Gurion ist es kühl – um nicht zu sagen kalt. Der Flieger hätte schon vor einer halben Stunde starten sollen. Sehnsüchtig geht der Blick nach draußen, in den vor Hitze flirrenden Augusthimmel. Ich bereue, dass ich meine Jacke in den Koffer gesteckt habe, der jetzt, vielleicht, schon im Frachtraum des Flugzeugs liegt. Da steht es, vor unseren Augen, auf der anderen Seite der großen Glaswand, die uns hier drinnen vom heißen, hitzigen Leben draußen trennt. „Nicht-Orte“ hat ein französischer Ethnologe diese merkwürdigen Aufenthaltsbereiche einmal genannt, in denen man nicht mehr hier und noch nicht dort ist. In denen man im Grunde genommen nicht mehr man selbst ist, herausgenommen aus dem Alltag, ausgesetzt, ausharrend, während andere geschäft
Vertrauen, das ist ein Allerweltswort geworden. Das Wort „Vertrauen“ prangt auf spirituellen Kleinschriften, gerahmt von Blümchen und Sonnenuntergängen, verniedlicht, verharmlost. Aber Vertrauen ist nicht harmlos. Es ist ebenso wenig harmlos, wie das Leben selbst harmlos ist. Es ist der Ernstfall des Lebens, und man muss nicht erst ins Flugzeug steigen, um zu erfahren, was es heißt zu vertrauen. Man muss sich etwas trauen. Wenn unsere Eltern sich nicht „getraut“ hätten, wir wären nicht da. Und wer sich auf den Nahen Osten einlässt, kann dies gar nicht, ohne zu vertrauen. Wer sich um Menschen jenseits der security barrier kümmert, muss daran glauben, dass sein Tun einen Grund und ein Ziel hat und nicht ins Leere fällt. Vertrauen ist ein anderes Wort für Glauben. Und auch Glauben ist nicht harmlos. Glaubst du an eine Lösung des Nahostkonflikts, werde ich oft gefragt. Ich weiß es nicht. Ich sehe nur, dass hier Vertrauen zerbrochen ist. Nicht erst seit dem Scheitern des Friedensprozesses. Es sind jahrzehntealte, teilweise jahrhundertealte Vertrauensbrüche, die hüben wie drüben Ängste schüren. Die Angst, das eigene Land, die eigene Sicherheit, zuletzt wohl auch: das eigene Gesicht zu verlieren. Der Streit um das Land der Bibel ist freilich vielschichtig und kaum noch zu durchschauen. Vertrauen ist kein politisches Instrument.
Der Entzug des Vertrauens aber scheint mir an der Wurzel dessen zu liegen, was die biblische Tradition Sünde nennt. Eindrücklich ist mir die Interpretation der sogenannten Sündenfallgeschichte durch einen geistlichen Meister und Bibelkenner in Erinnerung geblieben: In der Mitte des Gartens steht der Baum, und die Frau weiß, dass man nicht daran rühren darf. Andernfalls muss man sterben. „Nein, ihr werdet nicht sterben“, sagt die Schlange, „Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ (Gen 3,4.5) Und da keimt in der Frau ein Verdacht auf: Hat Gott uns etwas vorenthalten? Gönnt er uns vielleicht doch nicht alles? Fehlt etwas zu unserem Glück? Das Entscheidende gar? Sogleich steht im Raum das Misstrauen. Es ist ein grundlegendes Misstrauen, denn es ist das Misstrauen Gott gegenüber. Nicht eine böse Tat, sondern ein Riss im Vertrauen stünde dieser Interpretation zufolge am Ursprung aller menschlichen Verwerfungen.
Der Riss ist nicht aus der Welt zu schaffen. Er gehört zu unserer Erfahrung. Wir können uns das Leben und alles, was dazugehört, nicht nehmen, wir müssen es uns schenken lassen. Nichts ist selbstverständlich. Am allerwenigsten im „Heiligen“ Land. Dennoch, oder gerade deswegen, beginnen Morgen für Morgen Schwestern, Pflegerinnen und Volontärinnen in Beit Emmaus ihr Tagewerk, und die habibtis zweifeln nicht eine Sekunde lang daran, dass ihr Frühstück pünktlich auf dem Tisch stehen und dass sich immer jemand ihrer großen und kleinen Nöte annehmen wird. Täglich werden unzählige Brücken über den Riss geschlagen, der sich nicht nur durch den Nahen Osten, sondern seit Gen 3 durch die ganze Welt zieht. Eine Lösung des Nahostkonflikts sehe ich nicht. Aber ich sehe Menschen, auf die man sich verlassen kann. Die nicht erst handeln, wenn sie eine Lösung sehen, sondern die das heute Gebotene tun. Nicht mehr und nicht weniger. Sie handeln, weil ihnen das Leben, so bruchstückhaft es auch sein mag, dennoch vertrauenswürdig erscheint. Solange es solche Menschen gibt, darf man über das Vertrauen schreiben. Harmlos ist das nicht. Vielmehr atemberaubend und schön wie eine nächtliche Begegnung mit dem Mond am Himmel über dem Heiligen Land.
– Dr. Andrea Pichlmeier (Passau)
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