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Reisen nach Emmaus, Reisen zu mir
Es gibt ein Bild, das mich zeitlebens begleiten wird: Ich habe gerade mein Abitur in der Tasche und beschlossen, als Volontärin nach Beit Emmaus zu gehen. Der Schritt vom behüteten Zuhause in die große Welt, der mit einem Flug von Stuttgart nach Frankfurt beginnt. Hier stehe ich nun am Flughafen auf der einen Seite der Absperrung. Auf der anderen Seite meine Eltern, die mir zuwinken, aber nichts mehr sagen können. Die Entfernung wird immer größer, ich bin allein, auf mich selbst gestellt.
Umsteigen in Frankfurt in die Maschine nach Tel Aviv. Doch statt planmäßig abzuheben erst einmal drei Stunden auf dem Rollfeld warten – technische Probleme. Nachdem die Maschine endlich losgeflogen ist, beschäftigen mich nur noch zwei Dinge: das wachsende Heimweh und die bange Frage, ob ich – trotz mehrstündiger Verspätung – in Tel Aviv immer noch abgeholt werde oder mich alleine nach Qubeibe durchschlagen muss, von dem ich nur weiß, dass es irgendwo nördlich von Jerusalem liegt. Nach der Landung ein befreiendes Aufatmen: Ich werde noch erwartet. Die gute Sr. Ignatia und Noël haben all die Stunden ausgeharrt und auf mich gewartet. Die Fremde ist schon jetzt zur Geborgenheit geworden, und aus dieser Geborgenheit wächst dann das Bild einer neuen Heimat.

Mein Jahr als Volontärin in Qubeibe hat mich nachhaltig geprägt: Das Zusammenleben in der Gemeinschaft, die Arbeit mit den alten und behinderten Frauen, die schwierigen Lebensumstände der Menschen, die Glaubenserfahrungen, die mir immer wieder bewusst gemacht haben: Du bist in diesem Land; nur wenige Kilometer entfernt hat sich dies alles zugetragen.
Nach all diesen positiven Erfahrungen war für mich klar, dass ich einen pflegerischen Beruf erlernen würde. Doch auch ein anderer Gedanke kam in den Monaten nach meiner Rückkehr nach Deutschland immer wieder auf: die Erinnerung an die Zeit in Qubeibe und der Wunsch nach einer Rückkehr dorthin. In diesen Tagen kam mir ein Zitat von Peter Handke unter die Augen: „Vom Weg weiß nur, wer den Weg geht oder ihn träumt.“ – Nun, der eine, erste Weg war Vergangenheit, der zweite aber nahm Gestalt an in meinen Träumen: Wenn ich wieder dorthin komme, dann...
Hundert Möglichkeiten und Fragen gingen mir durch den Kopf: Wie werde ich mich in die Gemeinschaft einbringen? Welche Orte möchte ich noch bereisen? Welche Menschen, die mir dort begegnet sind, möchte ich wiedertreffen? Wie werde ich mit den schwierigen politischen Verhältnissen umgehen? Welchen persönlichen Gewinn erwarte ich von dieser Reise? – Träume und Wünsche in bunter Reihenfolge. Ich kam mir ein bisschen vor wie das Volk Gottes auf dem Weg in die Heimat, von dem der Psalmist sagt: „Da waren wir alle wie Träumende.“ Und ich konnte mir sagen: Du hast den Weg geträumt. Aber der Traum drängte weiter...
Um es kurz zu machen: Ich bin noch ein zweites Mal nach Emmaus gereist, und auch ein drittes und ein viertes Mal – so an die zehn Reisen fallen mit auf die Schnelle ein, die immer wieder vom Träumen auf den Weg geführt haben. Mal alleine, mal um das „Dort“ Freunden zu zeigen, mal um dort Freunde wiederzutreffen, immer aber Emmaus als Ziel. Einmal zog es mich sogar für längere Zeit wieder nach Qubeibe, um dort für drei Jahre die Pflegedienstleitung zu übernehmen.
Und was ist nun das Fazit all dieser Begegnungen mit Emmaus? Einige Worte begleiteten mich durch all die Reisen nach Emmaus, bereiteten mich vor, wirkten nach. Vielleicht vermitteln sie auch einen Eindruck von meinem persönlichen Fazit:
„Nur wer es wagt, bis an die Grenze zu gehen, der weiß, dass dahinter noch Leben ist.“ – In den Tagen der Intifada, der Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern, sind mir meine eigenen Grenzen bewusst geworden. Als aber die Sturheit der Soldaten die Gesundheit einer mir anvertrauten Frau, die wir im Krankenwagen ins Krankenhaus bringen mussten, gefährdete, stieg ich voller Angst, aber auch mit Zorn aus, ging auf die Waffen der Soldaten zu, um unsere Weiterfahrt zu erreichen. Aber es gab auch „alltägliche“ Grenzerfahrungen wie der scheinbar sinnlose Todeskampf einer alten Frau, die harten Auseinandersetzungen mit anderen, auch mit religiösen Meinungen, die an die eigenen Grenzen führten, aber unerwartete Lösungen brachten.
„Es gibt keinen anderen Weg, zu sich selbst zu kommen, als den, dass man einfach ganz von sich losgekommen ist.“ (Eduard Spranger) – Auf sich selbst gestellt in vielen Situationen, auch auf sich selbst gestellt in einer gut funktionierenden Gemeinschaft, die keinen vereinnahmen darf, relativiert sich zugleich die eigene Bedeutung, die man sich zugemutet hat. Nicht ich bin der Mittelpunkt, sondern das größere bedeutsame Ziel.
„Die Wahrheit ist ein Weg, der von Station zu Station geht, kein Ort, und schon gar kein Besitz.“ (Othmar Karl) – Natürlich habe ich mich immer wieder gefragt: Ist das, was du tust, auch das, was du dir gewünscht hast? Je alltäglicher und banaler die Arbeit ist – Essen eingeben, Windeln wechseln, waschen usw. –, umso drängender werden diese Überlegungen.
Warum hat es mich dann immer wieder zurückgetrieben nach Emmaus? Weil sich der Sinn des Ganzen gezeigt hat, weil sich etwas „Echtes“ gezeigt hat – in der Idee dieses Hauses, in der Gänze der Lebenshingabe der Schwestern, die ihre Tätigkeit als Dienst an der Wahrheit der christlichen Nächstenliebe sehen. Diese Wahrheit kann nicht herbeigeredet werden, sie muss getan werden. So manche kleine Wahrheit hat auch mein Leben bestimmt, weil sie sich entwickelt hat von Ort zu Ort, von Station zu Station.
„Wer die Mitte findet, überschaut das Ganze.“ – Tausende Pilger bevölkern derzeit den Jakobsweg. Viele werden nicht müde zu betonen, dass sie nicht aus religiösen Gründen, sondern aus sportlichem Ehrgeiz oder zur Selbsterfahrung auf dem Weg sind. Das eigentliche Pilgerziel werden sie nicht erreichen. Auch viele Reisen ins Heilige Land laufen Gefahr, den eigentlichen Sinn eines solchen Unternehmens zu gefährden.
Weil ich eingebunden war in eine Gemeinschaft, weil der Dienst am Nächsten dort echt und glaubhaft war, weil das Wort Jesu „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ richtig gedeutet wurde und er die Mitte aller und jedes einzelnen war, deshalb wurde auch ich wie von selbst zur Mitte meines Lebens geführt, aus der heraus ich mein Leben überschauen kann. Das gibt Festigkeit, Zuversicht und Gelassenheit. Und aus dieser Gelassenheit heraus weiß ich sicher: Emmaus, ich komme wieder!
– Magdalena Habrik
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