Die Reise nach Jerusalem
Vier Uhr am Freitagnachmittag. Wochenende. Zeit Abstand zu gewinnen von der Arbeit, dem Alltag und damit verbunden auch Emmaus. So schön es hier ist, so gut es mir gefällt – so ist es doch auch fast jeden Freitag Zeit, eine Reise nach Jerusalem zu beginnen.
Reise – das klingt in diesem Zusammenhang möglicherweise erstmal befremdlich, vor allem wenn man bedenkt, dass gerade mal zwölf Kilometer Luftlinie zwischen Qubeibe und Jerusalem liegen und die Fahrt mit dem Auto höchstens 30 Minuten dauert. Eine Fahrt vom Stadtteil ins Stadtzentrum würde ja auch nie jemand als Reise bezeichnen.
Aber was macht eine Reise eigentlich aus? Eine Vorbereitung, wie eine Tasche packen, eine Unterkunft reservieren etc., eine gewisse Zeit „unterwegs“ und letztendlich als Resultat das Erreichen eines vom Startort gut unterscheidbaren Zielorts.

Wenden wir diese Punkte mal auf meine typische Wochenendplanung an:
Da ich nicht nur einen Tag in Jerusalem verbringen möchte und es sich zeitlich nicht lohnt zwischendurch zurückzukehren, muss die Tasche also gepackt werden mit Wechselklamotten, Kulturbeutel, Schlafsachen und – um das wöchentliche Volontärsfußballspiel genießen zu können – Wechselschuhen. Auch der Laptop darf nicht fehlen.
Um einen Schlafplatz sicher zu haben, sollte man vorsichtshalber auch spätestens am Freitag im Paulushaus in Jerusalem angerufen und einen Platz in Beit Noemi, der Volontärsunterkunft, reserviert haben – oder zumindest einen Mitvolontär warnen, dass man sein Zweitbett dieses Wochenende belagern wird.
Einplanen sollte man auch immer, dass man abends noch spontan feiern geht (nicht nur die Jogginghose einpacken) und dass Beit Noemi im Winter auch gut als Kühlkammer benutzt werden kann (Schlafanzug!). Vorbereitung: Check.
Danach kann mit Rucksack auf dem Rücken und Laptop an der Seite das schöne Emmaus verlassen werden. Man postiert sich an einer günstigen Kreuzung in unserem Dorf und zeigt hoffnungsvoll mit dem Zeigefinger gen schlaglochübersäte Straße, um eines der gelben Ford-Transit-Sammeltaxis anzuhalten. „Ramallah?“ wird mit einem bestimmten Kopfnicken beantwortet und man kämpft sich mit seinem Reiserucksack und Umhängetasche durch die Reihen zum letzten freien Platz, um dann sein Fahrtgeld von 6 Shekel nach vorne zu reichen. Nach 20 Minuten Hochgeschwindigkeits-Straßenhubbel-Umfahren bzw. -Überfahren durch kleine arabische Dörfer erreicht man Ramallah, schält sich aus dem Wagen und geht in Richtung Bushof.
Nach etwa fünf Minuten Großstadtgedrängel ist das Ziel erreicht und für 6,50 Shekel darf man Platz in der Linie 18 Richtung Jerusalem nehmen. Gefahren wird nicht nach einem festen Fahrplan, sondern sobald das Maximum an Mitfahrern erreicht ist – in Stoßzeiten dauert das etwa fünf, abseits der Rush Hour bis zu 20 Minuten.
Direkt nach Jerusalem durchzufahren ist leider nicht möglich; an Qalandiya, dem größten und meistbenutzten Checkpoint zwischen Jerusalem und Ramallah, heißt es für alle aussteigen. Busse und Passagiere dürfen nur getrennt ins „heilige“ Land. Im Checkpoint selbst reiht man sich in eins der gerade einmal menschenbreiten Gitter ein und wartet, bis das Drehkreuz die nächsten ca. 15 Menschen passieren lässt. Danach wieder einreihen in eine der Kontrollreihen. Um möglichst schnell durchzukommen und die Wartezeit irgendwie rumzukriegen, entledige ich mich hier schon meiner metallischen Gegenstände, verstaue sie im Rucksack und halte meinen Pass bereit, mit Fingern an den wichtigen Stellen Passbild und Visum. Wird man am nächsten Drehkreuz durchgelassen, fühlt man sich kurz wie am Flughafen: Tasche aufs Laufband durch den Röntgenapparat und selbst durch den Metalldetektor gehen. Die Illusion endet allerdings schnell mit Erreichen der Plexiglaswand, hinter der ein etwa 20-jähriger Soldat missmutig dreinschaut und durch seine Sprechanlage „Visa!“ brüllt. Mit einem freundlichen Lächeln werden Passbild und Visum präsentiert, die Gedanken für sich behalten, die Tasche gepackt und der Checkpoint verlassen. Gestört werden kann dieser reibungslose Ablauf durch kleinere Tumulte, wenn sich Palästinenser von unfreundlichen Soldaten schikaniert fühlen oder ihnen die Einreise aus unerfindlichen Gründen verweigert wird. Verzögert wird der Ablauf zudem meistens durch chronische Unterbesetzung und Untermotivation der Soldaten. Schlussendlich darf der Bus wieder mit den Passagieren zusammengeführt werden und seine Reise nach Jerusalem vollenden.Ich erreiche das Paulushaus etwa 90 bis 180 Minuten, nachdem ich in Emmaus das Tor passiert habe. Wie gesagt: Mit dem Auto und auf direktem Weg wären es 20 bis 30 Minuten gewesen. Zeit unterwegs: Check.
Diese strapaziöse Reise nehme nicht etwa auf mich, weil es in Emmaus besonders schrecklich wäre, ich das gute Essen, unsere nette Gemeinschaft oder die Vorzüge eines eigenen Zimmers abstoßend fände. Es liegt an einem anderen Vorteil von Beit Emmaus, der sich gelegentlich aber als Belastung entpuppt: Die Nähe zur Arbeitsstelle.
Freue ich mich morgens zwar, dass ich in einer Minute auf Station oder in zwei Minuten in der Werkstatt bin, ist es dennoch anstrengend, auch am Wochenende durch das Geschrei einiger Patientinnen geweckt zu werden oder die Arbeit im Garten, die man am Vortag selber noch mitgemacht hat, tatenlos mit anzusehen. Abends sind die Beschäftigungsmöglichkeiten auch eher begrenzt. Freut man sich zwar manchmal über Ruhe und Abgeschiedenheit, dürstet es einen dann irgendwann doch nach einem Tapetenwechsel.
Ein Durchatmen, Abschalten oder Kaputtfeiern ist manchmal einfach notwendig, um wieder mit neuer Kraft in die nächste Arbeitswoche zu starten.
Die Vorteile von Jerusalem sind daher offensichtlich: Freunde treffen, Feiern gehen, Bundesliga gucken, Fußball spielen – und von der „göttlichen“ Stadt kann man auch die meisten Reisen in andere Ecken Israels starten.
Unterschied Startort/Zielort: Check.
Es ist also nichts anderes als eine Reise, die ich und alle Emmaus-Volontäre an unseren meisten freien Tagen – zwar nicht jedes Mal begeistert, aber immer bewusst – auf uns nehmen. Denn es ist auch eine, die den meisten Palästinensern verwehrt bleibt. Eine absurde Vorstellung, vor allem für uns Schengen-verwöhnte Generation. Ein zwölf Kilometer entferntes Ziel ist praktisch unerreichbar.
Vier Uhr am Freitagnachmittag. Wochenende: Zeit für eine Reise. Wir verabschieden uns von unseren arabischen Mitarbeitern und beginnen eine Reise.
Eine Reise nach Jerusalem.
– Florian Simon Zivi in Beit Emmaus
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