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Innere Reisen

 

Oft assoziiert man mit Reisen Begriffe wie „Reisefieber“, „Weltreise“ oder „Fernweh“. Wenn man von diesen allerdings absieht, stellt man fest, dass es nicht nur Reisen in die Ferne, sondern auch in die unmittelbare Nähe gibt. Ganz nach dem Motto „Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nah?“ ist mir bewusst geworden, dass es auch eine Art von Reisen gibt, die sich im Inneren eines Menschen abspielen. Gerade Beit Emmaus bietet einen passenden Ort, um sich auf solche inneren Reisen zu begeben: Denn es liegt zwar inmitten eines Dorfes gelegen, das scheinbar nie zur Ruhe kommt – sei es der Muezzin, der zum Gebet ruft, ein ungeduldiger Autofahrer, der hupt, oder der Schrotthändler, der lautstark seine Angebote anpreist. Dennoch ist Emmaus eine Oase der Ruhe; klein und beschaulich liegt sie da, weitab der Hektik der Großstadt. Für uns Volontäre ist das, je nach Herkunftsstadt bzw. -ort, eine ganz neue Erfahrung. Denn die relative Abgeschiedenheit zwingt einen dazu, viel Zeit mit sich selbst zu verbringen. Das bedeutet, dass man sich mit einem Buch an unseren Aussichtspunkt setzt, Musik macht und hört oder einfach gar nichts tut, diese Ruhe genießt und die Gedanken schweifen lässt.

Gerade für uns Volontäre ist dies eine wichtige wie wertvolle Zeit. – Eine Zeit, um sich die wichtigen Fragen, die uns bewegen, vielleicht nicht zu beantworten, aber doch zu ergründen: Wo soll meine Lebensreise hingehen – beruflich wie privat? Was erwarte ich von meinem Jahr in Israel/Palästina? Wie gehe ich mit Veränderungen um?

 

Innere Reisen tragen dazu bei, den Horizont zu erweitern und eine eigene Persönlichkeit zu bilden – erwachsen zu werden. Dabei fordern einen besonders das Land und die schwierige politische Lage heraus, sich selbst zu hinterfragen und eine Position im herrschenden Konflikt zu beziehen.

Viele Menschen kommen auch ganz bewusst nach Emmaus, um sich für eine gewisse Zeit eine Auszeit von Zuhause zu nehmen. Aber auch unsere Patientinnen, insbesondere die alten Frauen, sitzen oft auf einer Bank vor dem Haus und tun scheinbar nichts. Doch ich bin mir sicher, dass auch sie sich auf ihre persönliche Reise begeben, ihr Leben Revue passieren lassen und darüber nachdenken. Manchmal würde ich gerne Mäuschen spielen und an einer solchen Reise teilnehmen.

 

Aber innere Reisen gibt es nicht nur in diesem persönlichen Sinne, sondern auch in einem geistlichen Rahmen. Gerade die vorösterliche Fastenzeit lädt uns ein, uns mit dem Wort Gottes auseinanderzusetzen. So haben wir als Hausgemeinschaft an einem feierlichen Gottesdienst am Aschermittwoch teilgenommen und mitgewirkt. Dieser fand in der judäischen Wüste statt – nicht weit entfernt vom Berg der Versuchung, also jenem Ort, an dem der Tradition zufolge Jesus vierzig Tage gefastet hat und schließlich vom Teufel versucht wurde. An solchen Orten wird die Bibel lebendig und ermöglicht eine ganz neue Form der inneren Reise. Wenn man sich bewusst macht, dass man „an Ort und Stelle“ ist, wird die innere Reise greifbar. Für diesen Anlass bot die Dormitio-Abtei in Jerusalem sogenannte „Exerzitien im Alltag“ an, bei denen es nach dem Prinzip der Exerzitien jeden Tag eine ausgewählte Bibelstelle oder ein Bild gab, die dazu einluden, sich auf eine Reise ins Innere seiner Seele einzulassen, Gott eine Tür zu öffnen und ihn damit auf die eigene Lebensreise mitzunehmen.

 

Solche Reisen können anstrengend sein und man braucht manchmal auch Mut um sie anzutreten – wenn die Antworten, die man findet, nicht die sind, die man sich erhofft hatte, oder wenn man feststellen muss, dass die Lebensreise in die verkehrte Richtung lief. Doch gerade dann braucht es einen Moment des Innehaltens, des Sich-Besinnens. Denn nur so kann man die Richtung der Reise verändern – wenn es sein muss, sogar auch umkehren.

Aber soviel Überwindung eine solche Reise auch braucht: Sie lohnt sich und führt einen zu sich selbst.

In diesem Sinne: Gute Reise!

 

– Manuel Spohn
Volontär in Beit Emmaus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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