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Bis das Herz uns brennt

Der Ruf des Muezzins lässt unversehens Vergangenes und Erinnerungen mit dem Heute verschmelzen. Die Luft atmet den Duft der Bäume aus und die Weite der Landschaft dringt in mich ein und weitet vieles, was sich verkrampft hat und keinen Raum fand, zum Leben. Emmaus, mein Ort für die nächsten Wochen, wird Raum der Gegenwart, wo sich Vergangenheit und Zukunft begegnen und die Versöhnung möglich wird.

So werden die alten Erinnerungen und die Menschen mit all dem, was wir erlebt haben, hier noch einmal leben dürfen. Die Wunden von damals und die Heilung bis heute bringen eine schweigende Sprache zum Klingen, die wahrhaftig und behutsam ist. Niemand soll verletzt werden – Ausruhen in der Wahrheit durch Gottes Gegenwart und Sich-bewusst-Werden – seiner selbst und Gottes Gegenwart.

 

Vielleicht muss man älter werden, um die Faszination dessen, was das Leben ausmacht, fühlen zu können. In der Zeit der Anbetung hier in Emmaus – am frühen Morgen – sind es unterschiedliche und manchmal widersprüchliche Empfindungen, die diese Zeit füllen. Da ist zum einen die Freude am konkreten Leben und auch eine heimliche Beklommenheit, was die Dimension des Endes eines jeden Lebens – also auch des eigenen – betrifft. Da lebt auch die schmerzliche Frage auf: Wer bin ich denn wirklich? Was verstehe ich unter einem gelungenen Leben und wie fülle ich wohl meine Sehnsucht nach Leben? Ich spüre ein Drängen mich zu entscheiden und die wirklich wichtigen Fragen meines Lebens zuzulassen: Kann ich Gott trauen? Wird mein Leben mit IHM und für IHN und durch IHN nicht etwas von meinem Leben wegnehmen? Wenn ich etwas gebe, dann besitze ich es doch nicht mehr. Es gehört mir letztlich nicht mehr. Diese Ängste treiben nicht wenige um, die sich mit der Frage nach Gott auseinanderzusetzen beginnen.

 

Alles, also mich selbst, geben – meinte das der Herr, wenn er von der Frömmigkeit der Schriftgelehrten sprach, die alles zu besitzen glaubten, Frömmigkeit, Anständigkeit und Gesetzestreue? Sie wollten es und waren wirklich perfekt. Es steht uns nicht zu, leichtfertig über ihren religiösen Lebensweg zu urteilen. Sie schenkten wirklich viel, aber sich selbst herschenken? Was für eine Perspektive und Herausforderung.

Sich selbst zu schenken wird zum engen Tor, durch das wir Besitzenden so schwer gehen können. Der schmale Pfad, das enge Tor – sie weisen darauf hin, dass zuerst einmal Ballast abzuwerfen ist – und das nicht zu knapp. Es bleibt immer die Verführung viel zu geben, aber nicht sich selbst. Wir sind nicht weit entfernt von der Frömmigkeit der Menschen zur Zeit Jesu, und es bleibt hinreichend Anlass, im Blick auf die eigene Schwäche bescheiden zu bleiben. Das alles verlangt Zeit und Kraft. Wir wissen von Heiligen, die von diesem langen Weg der Umkehr Zeugnis geben. Hier wird Beständigkeit abverlangt. Das Schnelle und Außerordentliche zeigt schnell Risse im Glanz des Besonderen. Die Treue zum Weg mit IHM kann sehr trocken werden und bringt die Versuchung mit sich, mehr an Vorrat anzuwerben, als für diesen Weg dienlich ist.

 

Schauen wir also genauer hin und machen die Gegenprobe. Wenn ich mich Gott übergebe – nicht etwas von mir, sondern ihm mein ganzes Leben bewusst hinhalte, dann werden die Besitzverhältnisse eindeutig: Es gibt kein Handeln mehr, wir können finden, was uns frei, lebens- und liebenswert zu machen vermag. Ein stabiles Vertrauen erfasst uns und wir sehen unser Leben, wie es beginnt, gelebt wird und schließlich wie auch immer endet. Gottes Gegenwart ist verlässlich und zeichnet uns eine Lebensperspektive in das Herz, die auch in den Bruchteilen nicht gelingenden Lebens durch Tod und Auferstehung Jesu jene bergende Kraft und Zuversicht findet, ohne die ein Leben letztlich nicht zu leben ist.

Wenn wir hier in Emmaus morgens den Tag still vor dem eucharistischen Herrn beginnen, ist es der Anfang des Tages, der nicht von der Wort- und Tat-Flut überschwemmt ist und uns die Kraft zur Offenheit schenkt zu schauen den Leib des Herrn, die Hostie, deren Anblick unseren Glauben herausfordert. Diese Minuten werden zu einer kostbaren Zeit der Wahrheit, in denen ich mein Leben, mein Innerstes auch mit seinen Abgründen wahrnehmen kann, das Eingeständnis der Schuld nicht unterdrücken muss und die Zeit, die HEUTE geschenkt ist, als Fülle der Möglichkeiten dankbar annehmen darf. Wenn Pater Peyriguerre, der sich vom heiligen Leben Charles de Foucaulds inspirieren ließ und ein ähnliches Leben zu verwirklichen suchte, sagt: „Christus da finden, wo er sich selbst für uns hinstellt“, zeigt er die Perspektive, in der wir unsere Sehnsucht zulassen dürfen. Wir erfahren erstaunt, wie frei wir sein dürfen, da SEINE Größe Zuwendung zu uns ist. Die Anbetung vor dem Allerheiligsten wird nicht zu einer religiösen Dienstleistung, vielmehr sind die Minuten vor IHM ein Weg zur eigenen Wandlung: aus den Herzen von Stein sollen Herzen von Fleisch und Blut werden.

 

DA-SEIN vor IHM trägt die Tage unseres Lebens. Was immer an Herausforderungen und Aktivitäten abverlangt wird – auch hier in Emmaus im Altenheim der Schwerkranken, von den Schwestern, Zivildienstleistenden, Volontären und Mitarbeitern – findet im architektonischen Zufall, der die Kapelle der Anbetung unter die Krankenzimmer gebaut hat, eine unerwartete Symbolik: Christus, den wir bekennend anbeten, ist der Grundstein dieses Hauses. Auf seinen Schultern trägt er alles hier in diesem Haus, und er trägt auch uns in Freude und Leid. Das ist die Erfahrung am Emmaus-Tisch unseres Lebens. Einen Glauben von der Größe des Senfkornes bedarf es hierfür, sich darauf einzulassen bis das Herz uns brennt.

 

– P. Dr. Manfred Entrich OP (Bonn)
verbrachte eine Sabbatzeit in Beit Emmaus

 

 

Vom Senfkorn (Mk 4,30-32)

Und er sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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