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Bereit zu Abschied und Neubeginn
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in and’re, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
– Hermann Hesse
Dieser Teil des Gedichts „Stufen“ begleitet mich seit meiner Zeit als Volontärin in Emmaus, als ich ihn von einer Freundin geschenkt bekam. Besonders wichtig ist für mich der Satz „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ geworden.
Meine Lebensreise hat mich schon oft nach Emmaus geführt aber auch auf andere Wege. Immer wieder gab es neue Anfänge. So auch am 2. März 2007, als es wieder nach Emmaus ging – für drei Jahre als Stationsleiterin im Altenpflegeheim, als Mitarbeiterin des DVHL, als von der AGEH entsandte Entwicklungshelferin.
Zurückkehren an einen Ort, der Zuhause war und wieder wurde, aber trotzdem neu und anders war. Zurückkehren an einen Ort, an dem ich als Volontärin gearbeitet habe, nachdem ich meine Ausbildung als Krankenschwester bestanden und lange in England gearbeitet hatte. Zurückkehren an einen Ort mit großer Freude, der mir nach dem Abitur soviel gegeben hatte, aber auch mit Bauchschmerzen vor der großen Verantwortung.
Nach intensiver und interessanter Vorbereitung durch die AGEH stieg ich also wieder einmal in Tel Aviv aus dem Flugzeug und wurde von Sr. Hildegard vom Flughafen abgeholt. Ich kam in Emmaus an und kam nach Hause – und doch war vieles so anders.

Auf einmal stand ich da, als Stationsleiterin in Emmaus. Ich wurde auf einmal auf alles angesprochen: „Was sollen wir da machen?“, „Ihr geht es heute nicht so gut. Was können wir tun?“, „Wo ist dieses und wo ist jenes?“ Ich war jetzt diejenige, die den Überblick haben sollte, und mit der Zeit bekam ich ihn auch. Nach und nach habe ich mir die Station, die Eigenheiten der habibtis und so vieles andere angeeignet. Ohne die Hilfe von Sr. Myriam, Sr. Bernadette und Sr. Benigna wäre ich auf Station so manches Mal verzweifelt. Sie hatten aber immer ein offenes verständnisvolles Ohr für mich, standen mit Rat und Tat zur Seite und konnten einen oft mit ihren Anekdoten aus Tansania zum Lachen bringen.
Das Einarbeiten in der neuen alten Umgebung, in andere kulturelle Gegebenheiten brauchte Zeit und Kraft. Denn bisher kannte ich Emmaus und die arabische Umgebung nur aus der Perspektive der Volontärin. Und nun hatte ich als Stationsleiterin viel mehr mit den Menschen zu tun. Mit den Verwandten unserer Frauen, mit Ärzten... Zudem war die politische Lage seit meinen Jahren als Volontärin auch nicht einfacher geworden.
Aber auch innerhalb des Hauses habe ich viel Neues gelernt. Ich arbeitete nicht nur mit Palästinensern zusammen, sondern auch mit Ordensschwestern aus verschiedenen Kulturen sowie Volontärinnen, Volontären und Zivis in allen Altersstufen. Ich lernte nicht nur Arabisch, sondern auf einmal auch Österreichisch. Ich wohnte mit Schwestern und Volontärinnen, Volontären und Zivis in einer Gemeinschaft, in der man Arbeit und Privatleben oft nicht trennen kann. Hier half mir Sr. Hildegard mit ihrem Rat „Lass dir Zeit!“. Und im Rückblick empfinde ich dieses Zusammenleben mit vielen Menschen an einem kleinen Ort als Bereicherung. Denn so unterschiedlich wir auch waren, entstand immer wieder eine neue, interessante Gruppendynamik.
Seit mehreren Jahren haben wir in Beit Emmaus nicht nur alte, sondern auch immer mehr behinderte Frauen. Wie schafft man es da, den Bogen zu schlagen? Man möchte schließlich allen unseren habibtis ein Zuhause geben und, so gut es geht, ihre verschiedenen Wünsche und Bedürfnisse erfüllen – so vieles, was sie vorher nie erleben durften. Aber Emmaus ist in dieser Hinsicht einfach einzigartig: Wir sind so viele in der Pflege, dass man sich Zeit nehmen und auf die habibtis eingehen kann – ein schierer Luxus in europäischen Altenheimen, aber ein Muss in Emmaus. Jeder hat Zeit mit den Bewohnerinnen zu reden, mit den behinderten Frauen spazieren zu gehen oder zu spielen; jeder hat Zeit Susu beim Tanzen anzufeuern, mit Shafiqa zu lachen, sich mit Warda zu amüsieren, Ghaliyya einen Kuss zu geben, Na’ma zu umarmen und so weiter. Diese kleinen Dinge geben einem jeden Tag wieder Kraft. Wo kommt es schon vor, dass, wenn man einige Tage nicht da war, eine Shafiqa vom anderen Ende der Station kommt und einen stürmisch mit den Worten „Yâ habibti, wo warst du denn?“ umarmt?
Zugegeben: Manchmal sind die Küsse und Umarmungen etwas zu stürmisch und man würde sich wünschen, dass Margo nicht ganz so nass küsst oder Tamani nicht ganz so ungestüm am Hals hängt. Aber jeder Mensch zeigt seine Zuneigung so, wie er es kann, und man lernt doch schnell, diese „Probleme“ mit Humor zu nehmen.
Wenn man sich so auf die Menschen einlässt und sich ihrer annimmt, kann man auch damit umgehen, wenn eine habibti stirbt. Denn man teilt mit den anderen die Trauer und oft auch die Freude, wenn der Tod die Erlösung von langem Leiden bedeutet.
So viel Kraft mir die Arbeit mit den Frauen auch gab, war es trotzdem immer wieder gut und wichtig für mich, für einige Zeit aus Emmaus rauszukommen und Abstand zu gewinnen. Es gab einige Möglichkeiten, einen ruhigen Tag in Jerusalem zu verbringen, vielleicht in der deutschen Kolonie schwimmen zu gehen oder sich mit Freunden in einem Café zu treffen und es sich einfach gut gehen zu lassen. Außerdem ist Israel das ideale Land, wenn man in wenigen Tagen viel sehen möchte. Ich werde nie die Reise mit Tabea in den Norden vergessen: Wir hatten uns ein Auto gemietet und sind einfach losgefahren. Gut, eine ungefähre Route hatten wir vorher schon abgesteckt. Aber wenn uns auf dem Weg ein Ort gefiel, hielten wir an, stiegen aus und ließen uns Zeit. Und wenn wir keine Lust mehr hatten, setzten wir uns wieder ins Auto und fuhren weiter. So kamen wir am letzten Tag unserer Reise früh morgens in der Nähe von Caesarea am Mittelmeer an und hatten den ganzen Strand und das Wasser für uns alleine.
Und nach solchen Ausflügen war ich immer auch froh, wieder nach Hause nach Emmaus zu kommen. Denn dort wartete meist Sr. Theres und freute sich mich wiederzusehen. Oft hatte sie auch eine ihrer Leckereien wie ihren Apfelstrudel da. Aber auch wegen ihrer schelmischen Art mochte ich Sr. Theres immer sehr gerne.
So gab es in den drei Jahren immer wieder kleine „Inseln“, auf die man sich freuen konnte. Neben den Ausflügen waren das die Besuche von meinem Bruder, meinen Eltern, einer Freundin, ehemaligen Volontärinnen, Zivis, Stationsleiterinnen... Aber ich erinnere mich auch gerne an die großen Feste, besonders die Hochzeit von Kerstin und Martin sowie die Taufe von Tabea. Und schließlich waren es auch die wöchentlichen Gottesdienste in der Gemeinschaft.
Erst jetzt, nachdem ich einige Monate wieder zurück in Deutschland bin, wird mir richtig bewusst, wie viele Dinge ich aus dieser Zeit mitgenommen habe. „Zurück in Deutschland“ – einerseits ist es ein Zuhause, und dann auch wieder nicht. So manches Mal kommt dann doch ein Heimweh auf nach Emmaus und Jerusalem und all den Freunden, die ich dort kennen gelernt habe.
Während meiner Zeit in Emmaus wurde ich oft mit mir selbst konfrontiert und auch jetzt fällt mir auf, dass ich einfach Zeit brauche, um wieder richtig in Deutschland anzukommen. Bei der Wiedereingewöhnung half mir auch das Rückkehrerseminar der AGEH, wo ich mit anderen Erfahrungen austauschen und neue Perspektiven für mich sehen konnte.
Bevor ich am 1. April meine neue Arbeitsstelle als Krankenschwester in Hürth angetreten habe, hatte ich noch genügend Zeit, um mich mit alten und neuen Freunden zu treffen und mich wieder in Deutschland einzugewöhnen. Wobei mir doch hin und wieder unbewusst ein arabischer Ausdruck herausrutscht –was ich allerdings erst dann bemerke, wenn mich mein Gegenüber schräg anschaut. Besonders hartnäckig hat sich die Floskel „Inshallah“ (So Gott will) gehalten. In Palästina ist das die Standardantwort auf Fragen wie „Kommst du morgen vorbei?“. In Deutschland kommt sie jedoch bei derselben Frage nicht so gut an...
Dennoch will ich die arabischen Überbleibsel aus den letzten Jahren nicht missen. Denn nicht zuletzt sind sie es, durch die ich mich immer wieder an die Zeit erinnern kann. So kann ich mich auch immer wieder auf ein Wiedersehen in Emmaus, in Jerusalem, im Heiligen Land freuen. Und so vermisse ich die liebgewonnenen Menschen, die Orte, den blauen Himmel und das Meer gleich ein bisschen weniger.
– Judith Simons
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