
Moderne Bildung mit langer Tradition
Schmidt-Schule in Jerusalem blickt auf bewegte Geschichte zurück
Der in Aachen gegründete Palästina-Verein der Katholiken Deutschlands errichtete 1886 ein Pilgerhospiz in Jerusalem. Einige Räume in dem Gebäude stellte der Verein der westfälischen Lehrerin Therese Saxe zur Verfügung, die bereits sein 1873 Waisenmädchen in Jerusalem unterrichtete. Der Palästina-Verein, der von Landrat Leopold Janssen aus Burtscheidt bei Aachen geleitet wurde, entwickelte aus diesen bescheidenen Anfängen schnell eine angesehene Mädchenschule mit angeschlossenem Internat. Bereits 1890 hatte sie 36 arabische und deutsche Schülerinnen. In den nächsten Jahren stieg die Zahl unter der Leitung des Lazaristenpaters Wilhelm Schmidt auf 50. Unterricht und Erziehung lagen in den Händen von deutschen Schwestern des Ordens vom Heiligen Karl Borromäus. Arabischunterricht erteilte eine einheimische Lehrkraft.
Pater Wilhelm Schmidt, der die Schule von 1890 bis 1907 leitete, legte großen Wert darauf, die Kinder nicht ihrer arabischen Herkunft zu entfremden, sondern ihnen zu ihrem eigenen und zum Vorteil ihres Landes arabische und europäische Bildung gleichermaßen zu vermitteln.Als der Aachener Palästina-Verein 1895 mit dem Kölner Verein vom Heiligen Grabe zum Deutschen Verein vom Heiligen Lande fusionierte, übernahm dieser die Trägerschaft der Schule. Nach der Fertigstellung eines neuen und größeren Hospiz-Gebäudes vor dem Damaskus-Tor im Herzen Jerusalems im Jahr 1908 verblieb die Schule im alten Hospizgebäude und konnte sich dort entfalten. 1914 hatte die allgemein als Schmidt-Schule bekannte Einrichtung etwa 120 Schülerinnen.
Nach Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Schule vorübergehend von den osmanischen Behörden geschlossen. Während der britischen Besetzung Jerusalems musste der Schulbetrieb ebenfalls zeitweilig eingestellt werden. Erst 1921 konnte der regelmäßige Unterricht wieder aufgenommen werden. Neben dem Arabischen wurde nun Englisch statt Deutsch zur Unterrichtssprache.Während des Zweiten Weltkrieges nahm die vorher auf 380 gestiegene Zahl der Schülerinnen stark ab. Der Schulbetrieb konnte aber trotz der zeitweiligen Internierung der deutschen Patres und Schwestern aufrechterhalten werden.
Während des jüdisch-arabischen Krieges 1947/48 wurde die Schule erneut geschlossen. Durch die im Krieg entstandene Teilung Jerusalems lag die Schule im israelischen Teil Jerusalems, während die meisten arabischen Schülerinnen aus dem nun jordanischen Ostteil der Stadt kamen. 1950 verließ die Schule daher ihr altes Gebäude und zog in das St.-Paulus-Hospiz im jordanischen Teil der Stadt um.
Heute ist die Schmidt-Schule, in Jerusalem unter dem Namen Schmidt`s Girls College bekannt, in einem von 1962 bis 1965 errichteten Gebäude neben dem St.-Paulus-Hospiz untergebracht. Die vom Deutschen Verein vom Heiligen Lande getragene Schule zählt rund 540 Schülerinnen und gehört zu den renommiertesten Bildungseinrichtungen in Jerusalem. Die Leitung der Schule ging 1989 von den Borromäerinnen auf Schwestern der Congregatio Jesu über. Die dreizehnjährige Schullaufbahn reicht von der Vorschule bis zum Abschluss nach der zwölften Klasse. Die Unterrichtssprache ab der achten Klasse ist Englisch. Ab der dritten Klasse haben die Schülerinnen wöchentlich sechs Stunden Deutschunterricht. Seit dem Schuljahr 2008/9 ist die Schmidt-Schule offizielle deutsche Auslandsschule, die die Schülerinnen zum deutschen Abitur führt. Fast alle Schülerinnen nehmen nach dem Schulabschluss ein Universitätsstudium auf.
Durch ihre Lage in Ostjerusalem ist die Schule den alltäglichen Spannungen ausgesetzt, die aus der besonderen völkerrechtlichen Situation Jerusalems entstehen. Hohe israelische Militär- und Polizeipräsenz in den Straßen, häufige Kontrollen und Checkpoints gehören zur Realität. Dennoch sind den Schülerinnen im Schulalltag die Belastungen und Spannungen nicht anzumerken, die ihnen in der politischen Wirklichkeit widerfahren. Es gelingt offenkundig, mit der Schule einen Lern- und Lebensraum zu schaffen, in dem die Mädchen jung und unbeschwert sein können. Dazu tragen neben dem sehr persönlichen Verhältnis zu den palästinensischen und deutschen Lehrerinnen und Lehrern nicht unwesentlich äußere Bedingungen wie die kürzlich abgeschlossene Grundrenovierung des Schulgebäudes bei. Die Schule stellt für die Mädchen einen geschützten Raum dar, in dem sie ihre Fähigkeiten entfalten können. Dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande, der die Schule trägt, ist es besonders wichtig, dass die Absolventinnen mit den erworbenen Fähigkeiten ihrer Heimat nicht den Rücken kehren, sondern sich einbringen in den Aufbau und die Gestaltung einer eigenen palästinensischen Zivilgesellschaft. Unter diesem Blickwinkel liefert die Schmidt-Schule mit ihrer Arbeit als katholische und deutsche Schule ein kleines Mosaiksteinchen zu einer möglichen Friedensordnung in dieser Region.
von Stephan Mock
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