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Die Welt im Jahr Null - das Geburtsjahr JesuEin armseliges Betlehem spielt in der Welt von Luxus und Reichtum keine Rolle
Die moderne Zeitrechnung beginnt mit der Geburt Jesu in einem Stall oder einer Höhle in Betlehem. Das Dorf war im Jahr Null nicht mehr als ein armseliges Nest, gelegen abseits der großen Straßen am Rand der Weltgeschichte, die bereits seit Jahrtausenden von alten Kulturen geprägt war. Umso mehr macht die Frage zu schaffen, warum die Menschwerdung Gottes nicht in Rom geschah, dort, wo das Römische Reich sein goldenes Zeitalter erlebte. Oder in Athen, d
Kaiser Augustus, in dessen Regierungszeit Jesus geboren wurde, gebot damals über achtzig Millionen Menschen. Es gibt niedrigere Schätzungen. Er regierte von 31 vor bis 14 nach Christus das Römische Reich. Seine Kriegsflotte beherrscht das Mittelmeer und die Handelswege sind gesichert. Liktoren werden die Amtsgehilfen des römischen Beamtenapparates und tragen als Zeichen ihrer Würde das Liktorenbündel auf der linken Schulter. Zur Ausrüstung seiner Legionen werden fahrbare Belagerungstürme gebaut, mit deren Hilfe schwere Festungen eingenommen werden konnten. Römische Truppen dringen bis zum ersten Nil-Katarakt vor. Mit dem Goldschatz der Kleopatra wird der Heeressold finanziert.
Kaiser Augustus proklamiert die "Pax Augusta", den augusteischen Weltfrieden. Zweirädrige Karren und vierrädrige Wagen befahren die Handelswege. Papyrus und Pergament sind die wichtigsten Materialien für den Schriftverkehr und das Grundmaterial in großen Bibliotheken. Auf der Indienroute pendeln Schiffe beladen mit Gewürzen, Perlen und exotischen Tieren. Viele Transportgüter werden in Tonkrügen befördert. In großen Manufakturen werden sie hergestellt. Seide aus China wird gehandelt und Bernstein von der Ostseeküste. Ägypten wird zur Kornkammer des Reiches und liefert den Weizen für Rom. Am Nil wird die Kunst des Glasblasens bekannt und an die Ostküste des Mittelmeeres, nach Syrien, Antiochien und zum Orontes gebracht. Das Gros der Römer spricht Lateinisch. Gebildete Griechisch, das weithin verstanden wurde. Bis in die Provinz hinein lässt der Kaiser prächtige Tempel, Denkmäler, Theater und Thermen errichten. Rom hatte zu dieser Zeit wahrscheinlich 500 000 Mann unter Waffen. Die beste Armee der Antike. Größten Profit zogen Staat und Reiche Bürger aus einem Heer von Sklaven aus allen Teilen des Reiches.
Was sich zu eben dieser Zeit im Heiligen Land begab, konnte der mächtige Herrscher und niemand im Reich kaum ahnen. Und wenn er es erfahren hätte, wären dem Kaiser die Ereignisse gleichgültig geblieben. Das, was sich in einem jüdischen Dorf abspielte unter Hirten, die mit der Aufzucht und der Bereitstellung von Schafen für den Jerusalemer Tempelkult und den Brandopfern ihren Lebensunterhalt verdienten, interessierte keinen im Weltreich. Weder Senatoren, noch Großgrundbesitzer oder Ritter. Die Geburt eines jüdischen Dorfjungen dokumentieren? Warum? Heilsverheißungen brauchte man im Römischen Reich keine mehr. Die Menschen hatten zur Zeit der Geburt Jesu allen Grund, mit sich und der Politik zufrieden zu sein. Was in Jerusalem oder Bethlehem geschah, war fernstes Randgeschehen. Für Ordnung hatten dort Herodes und nach seinem Tod zunächst seine Söhne zu sorgen. Herodes hatte sich mit Hilfe römischer Truppen sein Herrschaftsgebiet gesichert und nimmt Jaffa, Idumäa und später Jerusalem ein. Er untersteht nicht dem römischen Statthalter in Syrien, sondern nimmt unmittelbar vom Senat in Rom Befehle entgegen oder vom Princeps des Ostens. Wird in einer jüdischen Zimmermannsfamilie ein Junge geboren, wird er, wie es weithin üblich war, den Beruf des Vaters übernehmen und wenn alles glatt geht, ein tüchtiger Handwerker werden. Mehr nicht. Passt in eine solche Welt, in der es bereits ägyptische, babylonische und assyrische Hochkulturen gegeben hatte, der vom Geheimnis umgebene Stall von Betlehem und das vom himmlischen Glanz überstrahlte Hirtenfeld? Vielleicht blättern ein paar liebgewordene Übermalungen ab und ein herberes Bild tritt hervor. Das Geschehen von der Geburt Jesu ist Geschehen in Geschichte. Das Paradox der christlichen Botschaft, dass Gott in menschlicher Schwachheit als Kind im vernachlässigten Betlehem erschien, bleibt eine Provokation. Dem Glaubenden erschließt sich dieses Geheimnis.
von Erich Läufer
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