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Die Spindel mit dem Buch getauschtWo eigentlich grüßte der Engel die Jungfrau Maria?
von Erich Läufer
Geradezu nüchtern notiert Lukas: „Der Engel trat bei ihr ein.“ Ein Raum also? Der Gesprächsort in Nazareth fordert seit der Antike unsere Phantasie heraus. War es ein Steinhaus? War es eine der vielen Wohnhöhlen, oder fand das Gespräch am Brunnen statt, wie in der Orthodoxie erzählt wird? Legenden und die Protoevangelien (diese sind nicht in das verbindliche Verzeichnis, den Kanon der Kirche, aufgenommen) haben sich solcher Fragen angenommen. So heißt es einmal, Gabriel habe Maria angetroffen, wie sie aus purpurner Wolle einen neuen Vorhang für den Tempel zu spinnen begann. Tempelpriester hatten sie unter den Jungfrauen Israels für diese Aufgabe ausgelost. Auf frühen Darstellungen wird Maria dargestellt mit Wollkorb und Spindel, hoheitsvoll sitzend oder stehend vor dem Tempel als Hintergrund.
In einer weiteren frühen Legende wird erzählt, wie Maria einen Krug nahm und hinaus ging, um Wasser zu schöpfen. Sie hörte eine Stimme: „Sei gegrüßt, du Begnadete!“ Sie schaute nach rechts und nach links, sah aber niemanden, erbebte und ging ins Haus zurück. Und da stand plötzlich der Engel vor ihr: „Fürchte dich nicht, Maria. Du hast Gnade gefunden bei Gott.“ Immer g
In mittelalterlichen Darstellungen, besonders seit dem 14. Jahrhundert, tauscht Maria die Spindel gegen ein Buch. Solche Bilder sind uns vertrauter. Sie gehen zurück auf ein Volksbuch mit frommen Betrachtungen zum Leben Jesu. Gemütvoll wird darin beschrieben, wie Maria beim Besuch des Engels im Buch des Propheten Jesaja die Messiasweissagung liest: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären.“ Oft geben Maler deshalb Maria ein Buch in die Hand mit den Anfangsworten: Ecce virgo concepit.
Das Motiv der „lesenden Maria“ entwickelt sich immer reicher. Völlig in den Hintergrund gerät die historische Frage, ob Maria überhaupt lesen konnte. Die zeitgeschichtliche Wirklichkeit spricht dagegen. Schriftrollen waren kostbar und gehörten der Gemeinde. Wenn die Künstler des M
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