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„Gott, dir gebührt ein Loblied in Sion“ (Psalm 65,2)

Nicht nur in Jerusalem wird die Allmacht Gottes besungen

 

von Erich Läufer

 

Dies ist kein Psalmengesang für Leute mit Sorgen, für Stubenhocker und Traurige. Der biblische Beter hat die Augen aufgemacht und die Welt ringsum erlebt. Er ahnt, dass was immer war und was immer geschieht, sich unter den Augen Gottes ereignet und durch seine Macht bewirkt ist. Nichts ist Zufall. Er hat Gott entdeckt im Genießen der Sonne und im Staunen über einen schneebedeckten Gipfel. War es der Berg Hermon, der ihn so faszinierte mit dessen Schneekappe auch während des Sommers? Unser Dichter bewundert die Vielfalt der Blumen und Pflanzen. Vielleicht als Bauer und Landmann, der dankt, weil der Herr die Ackerfurchen und Schollen mit reichem Regen getränkt hat. Es ist einer, der hier sein ganz persönliches Erntedanklied anstimmt.

 

Eine ausgesprochen schöne und bilderreiche Sprache macht den Psalm 65 auch sprachlich zu einem literarischen Kunstwerk, denn „in der Steppe prangen die Auen“ und „die Täler hüllen sich in Korn“. Schließlich weitet der Blick auf das Meer im Beter die Sehnsucht nach Weite: „Du Zuversicht aller Enden der Erde und der fernsten Gestade“.

 

Der Psalm 65 wird zwar nicht zu den Pilgerpsalmen Israels gerechnet, aber es ist nachvollziehbar, wenn jemand, der so wie der Beter die Welt erfahren hat, sich aufmacht nach Sion, um den Herrn in seinem Haus, dort wo er wohnt, zu loben.

 

Doch der Vers 2 regt nicht nur Jerusalempilger zum Nachdenken an, wenn es heißt: „Gott, dir gebührt ein Loblied auf Sion!“ Ein Lied soll es sein. Wer mit beiden Füßen auf dem Boden steht und Gott als Grund erfahren hat, der uns trägt, will seine Freude und das Lob heraussingen. Singen ist so gut wie immer ein Ausdruck von Freude. Hunger nach Freude haben wir alle. Und niemand hat mehr Grund dazu als der Christ, der sich als Geschöpf vor dem Allmächtigen wiederfindet. Wenn wir singen, singen wir als Geschöpfe. Viele Psalmen, besonders unser Psalm 65, bringen es immer wieder zum Ausdruck: Alles, was Gott ins Dasein rief, singt (!) jubelnd ihm den Lobgesang. Und weil der Mensch von Gott mit der Kraft der Erkenntnis gekrönt ist, stimmt auch er singend in diesen Lobgesang ein. Eine jüdische Legende erzählt: Als Gott die Welt erschaffen hatte, habe er seine Engel gefragt, was sie von seinem Werk hielten. Ein Engel sei hervorgetreten und habe gesagt: „Das Werk ist groß und herrlich. Aber eins fehlt noch: Es sollte eine Stimme durch das Weltall klingen, groß, klar und herrlich, die allüberall, bei Tag und bei Nacht dem Schöpfer das Lied der Dankbarkeit singt für alles, was er in seiner Güte geschaffen hat.“ Gott gefiel, was der Engel sagte und sprach: „Ich werde ein Geschöpf erschaffen, den Menschen. Ihm werde ich verleihen, dass er die Wunder der Schöpfung erkennt und mich mit seiner Stimme verherrlicht.“ Und so erschuf er den Menschen mit dem Wunder der Stimme. Jeden von uns mit einer unverwechselbaren Stimme, die singend loben und preisen kann. Aus der Liturgie wissen wir, dass es eine abgestufte Feierlichkeit gibt. Manche gesprochenen Gebete bekommen eine ganz andere Farbe, einen neuen Klang, eine innere Bewegung, wenn wir sie singen. Gehört das Halleluja eigentlich nicht immer gesungen, geradeso wie das dreimal Heilig des Sanktus? „Dir gebührt Lobgesang, Gott auf dem Sion!“ Was unsere Zunge und Stimme singt, kommt aus dem Herzen, sonst kann man nicht singen.

 

Halten wir uns an Hieronymus, der in seiner Höhlenbehausung zu Betlehem niederschrieb: „Wenn auch die Zunge nur zeitweilig Gott zu loben imstande ist, so darf das Leben doch nie das Gotteslob aussetzen.“

 

 

 

 

 

 

 

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