1109_mz_ain_karem

 

Ain Karem – der Ort der „Heimsuchung“

Hier spürte Elisabeth in der Begegnung mit Maria die Gegenwart Gottes

 

von Erich Läufer

 

Rund sieben Kilometer vom Jaffator in Jerusalem entfernt, findet der Pilger den Ort, wohin Maria sich aufmachte, um ihrer Verwandten Elisabeth, die im hohen Alter schwanger geworden war, beizustehen. Das Dorf „im Bergland von Jerusalem“ heißt heute Ain Karem. Übersetzt heißt dies soviel wie „Weinberg-Quelle“. Andere Übersetzungen meinen „gütige Quelle“. Hinter dem Herzl-Berg am Stadtrand von Jerusalem senkt sich die Straße in den Talkessel von Ain Karem. Nach der Überlieferung ist es die Heimat von Johannes dem Täufer. Gelegentlich nennen alte Pilgerberichte und besonders die Aufzeichnungen der Kreuzfahrer den Ort auch St. Johann im Gebirge. Wo „die Stadt“ genau lag, ist unbekannt. Ausgrabungen der letzten Jahre haben bestätigt, dass die Gegend zur Zeit Jesu besiedelt war. Auf jeden Fall muss der Ort im Umfeld von Jerusalem gewesen sein, denn Zacharias, der Vater des Johannes, war Priester und hatte von Zeit zu Zeit beim Gottesdienst im Jerusalemer Tempel mitzuwirken.

 

Erst seit dem 6. Jahrhundert bezeichnet eine byzantinische Tradition das heutige Ain Karem als den Wohnort der Eltern des Vorläufers Jesu. Weiterhin nahm diese Tradition an, dass Zacharias außerhalb des Ortes an einem Berghang ein Landhaus besaß. Dorthin habe sich Elisabeth während der Schwangerschaft zurückgezogen, um den Blicken und dem Reden der Neugierigen zu entgehen. In der Nähe gibt es bis heute eine Quelle, von der man sich erzählte, dass Maria täglich hier für die alternde Verwandte das Wasser geholt habe. Wie auch immer – hier umarmten sich die beiden Frauen beim Willkommen und hier stimmte Maria, aus vertrauten Gebeten des Alten Testamentes heraus bewegt, ihr Magnificat, den Lobpreis über die Großtaten Gottes, an.

 

Die Geschichte von der Heimsuchung (Visitatio – Besuch – Heimsuchung) fängt unvermittelt an: „Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa“ (Lk 1,39). Es ist die erste von mehreren Reisen der Gottesmutter, die zu Beginn des Lukasevangeliums aufgezeichnet sind: die eilige Wanderung von Nazareth nach Ain Karem, dann der Weg von Nazareth nach Betlehem, später die Flucht bei Nacht und Nebel von Betlehem nach Ägypten und wiederum vom Ort des Asyls zurück nach Nazareth und schließlich die erste Wallfahrt mit dem zwölfjährigen Jesus nach Jerusalem. Maria und Josef werden ihr Kind den Ältesten vorgestellt haben, und vielleicht feierte Jesus dabei seine „bar mitzwah“, sein Eintreten in die religiöse Welt der Erwachsenen. Wie sonst hätte er mit Schriftgelehrten diskutieren dürfen. Die Familie Jesu machte ziemlich unruhige Zeiten durch.

 

Bei dieser ersten Reise von knapp hundertfünfzig Kilometer von Nazareth in die Außenbezirke von Jerusalem war Maria schwanger. War sie alleine unterwegs? Vielleicht gemeinsam mit Josef oder einer Gruppe oder einer Karawane, die nach Jerusalem unterwegs war? Wir wissen es nicht. Mehrere Tage dauerte solche eine Wanderung. Strapaziös war sie auf staubigen Wegen im Bergland und zudem nicht ganz ungefährlich für Juden, die durch das Gebiet der feindlich gesinnten Leute von Samaria ziehen mussten.

Der Engel hat Maria einen kleinen Hinweis gegeben, dass Elisabeth schwanger und im sechsten Monat sei. Obwohl die Frau des Zacharias seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit als unfruchtbar galt, erwartet sie nun in einem Alter, in dem man keine Kinder mehr bekommt, ein Kind. Drei Monate bleiben die beiden von Gott gesegneten Frauen beieinander.

 

Im Augenblick ihrer Begegnung zeigt sich, dass auch Elisabeth in lebendiger Beziehung zum Heiligen Geist steht. Sie preist Maria um ihres Herrn und Gottes willen selig. Elisabeth erkennt ihren Herrn und die Mutter ihres Herrn. Es ist eine innere Verwandtschaft zwischen Elisabeth und Maria, die bei ihnen auf ihrem Vertrauen auf Gott beruht und sie nun bewegt, den Herrn zu preisen. Elisabeth spürt gleichsam schon beim Willkommensgruß die Wahrheit über die Gegenwart Gottes in Maria: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Und dann singt Maria ihr Magnifikat: „Hochpreiset meine Seele die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Aber sie singt nicht nur für das, was Gott an ihr getan hat, sondern sie singt als Jüdin auch für ihr Volk: „Er nimmt sich seines Knechts Israel an und denkt an sein Erbarmen.“ Sie belehrt nicht nur die anderen durch ihr Lied und ihre Freude, sondern kündigt auch prophetisch das Kommende an: „Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“

 

Das Fest Maria Heimsuchung erhob Papst Bonifaz IX. im Jahr 1389 zum Fest für die ganze Kirche. Heute erinnern zwei Kirchen in Ain Karem, dem schönsten Tal im judäischen Bergland, an diese Begegnung der beiden von Gott ausgezeichneten Mütter. Die Heimsuchungskirche liegt auf einem Felsplateau malerisch an einem Hang. Sie ist ein zweistöckiger Bau mit einer Unter- und Oberkirche. Alte Teile belegen, dass schon in byzantinischer Zeit hier eine Kirche stand. In der anderen Kirche, der St. Johanneskirche ist eine Grotte zu sehen. Es soll die Geburtsgrotte des Johannes gewesen sein. Da früher zu den Wohnhäusern auch eine Felsengrotte gehörte, die in den Sommermonaten ein kühler Raum war, ist anzunehmen, dass Zacharias sein Wohnhaus über einer solchen Grotte erbaute. Das Minarett einer kleinen Moschee bekundet das Interesse der früheren muslimischen Dorfbewohner an diesem Ort, denn in der Sure 19 des Koran wird von der wunderbaren Geburt des Johannes gesprochen. Durch Zufall wurde 1895 in den Ruinen einer früheren Kapelle eine Bodeninschrift entdeckt: „Seid gegrüßt, ihr Märtyrer Gottes.“ Hieraus wird geschlossen, dass in den Grabhöhlen unbekannte Märtyrer beigesetzt worden sind. So wie das Fest Maria Heimsuchung am 2. Juli nicht zu den großen Muttergottesfesttagen gehört, so ist auch Ain Karem ein stiller und bescheidener Wallfahrtsort im Heiligen Land geblieben.

 

 

 

 

 

 

(c) Deutscher Verein vom Heiligen Lande - 2011     mail[[at]heilig-land-verein.de