1101_qubeibeh

 

Baut in der Steppe eine ebene Straße...
(Jesaja 40, 3)

von Bernd Mussinghoff und Reem Awwad

 

 

Wer bei einer Pilgerfahrt ins Heilige Land auch den schwieriger gewordenen Weg nach Emmaus-Qubeibeh nicht scheut, und den Ort vielleicht schon von einem früheren Besuch her kennt, der erlebt seit wenigen Wochen eine Überraschung. Zwischen dem Grundstück des DVHL, auf dem sich unser Altenpflegeheim Beit Emmaus und die Hochschule für Pflegeberufe befinden, und dem benachbarten Grundstück der Franziskaner-Kustodie des Heiligen Landes, wo sich bislang ein kleiner Fußweg entlang einer wackeligen Mauer schlängelte, strahlt einem nun frisch geteerter Asphalt mit zwei ordentlichen, sauberen Bürgersteigen entgegen. Und wer genau hinsieht, bemerkt auch, dass der historische Turm, der die südöstliche Ecke unseres Grundstücks bewachte, nicht mehr an seinem angestammten Ort steht, und auch nicht mehr mit seinen angestammten Rissen und Spalten im Mauerwerk versehen ist. Was ist geschehen?

 

Es lohnt sich, einen Blick in die jüngste Entwicklung des Dorfes zu werfen. Die Situation in Qubeibeh hat sich in den letzten Jahren stetig verschärft. Zunächst wurde durch den israelischen Bau der so genannten „Sicherheits“-Mauer ein beträchtlicher Teil des zum Gemeindegebiet von Qubeibeh gehörenden Landes vom Dorf abgeschnitten, das dadurch nach Süden hin kaum noch Platz für Erweiterung hat. Hintergrund dieser Entwicklung ist die Tatsache, dass die Mauer auch im Gebiet von Qubeibeh nicht genau auf der Grenze zwischen Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten verläuft, sondern die auf palästinensischem Land liegende israelische Siedlung Har Adar weit umschließt und vom benachbarten Qubeibeh trennt. Seit einigen Monaten kommt verschärfend hinzu, dass der Checkpoint „Ras Biddu“ geschlossen wurde, durch den die Pilgergruppen und alle, die eine Erlaubnis hatten, von Jerusalem nach Qubeibeh und zurück fahren konnten. Nun müssen die Pilgergruppen zunächst durch den Checkpoint Qalandia nach Ramallah fahren, wo oft stundenlange Wartezeiten in Kauf zu nehmen sind und die Sicherheitslage nicht immer unbedenklich ist. Von Ramallah geht es dann durch einen langen Tunnel unter einer großen israelischen Siedlung hindurch nach Biddu und von dort nach Qubeibeh. Zwischenzeitlich war es gelungen, ein Abkommen mit den Besatzungstruppen zu schließen, das Pilgergruppen das Benutzen eines anderen, näher gelegenen Checkpoints ermöglichte, doch dieses Abkommen wurde nach wenigen Wochen von den Israelis als nicht länger gültig erklärt. Wir hoffen, in erneuten Verhandlungen, auch mit Hilfe der Deutschen Botschaft in Tel Aviv und des Deutschen Vertretungsbüros in Ramallah, zu einem stabilen Abkommen mit den Israelis zu gelangen, das den freien Zugang zu diesem Heiligen Ort nicht in unnötiger Weise erschwert oder behindert.

 

In dieser schwierigen Situation, in der sich das Dorf zunehmend befindet, entstand in den letzten Jahren von Seiten der Gemeindeverwaltung die Überlegung, eine Straße zwischen unserem Grundstück und dem der Franziskaner zu bauen. Das Problem: hierfür wurde kirchliches Land gebraucht, das als Heiliger Ort besonderen staatlichen und kirchenrechtlichen Schutzbestimmungen unterliegt. Da eine Erweiterung des Dorfes nach Süden hin wegen der israelischen Mauer kaum noch möglich war, und das Dorf sich traditionell von Ost nach West bei geringer Nord-Süd-Ausdehnung erstreckt, blieb als Entwicklungsmöglichkeit nur der Norden übrig. Dieser war aber infrastrukturell kaum an die Hauptstraße angebunden. Um unter diesen Umständen Abhilfe zu schaffen, und eine Erschließungsstraße zu den geplanten Flächen für die Dorferweiterung zu ermöglichen, ist es nach zahlreichen Verhandlungsrunden mit dem Gemeinderat in Qubeibeh gelungen, ein Abkommen zu erzielen, dem zu Folge der Deutsche Verein vom Heiligen Lande einen ca. 6-7 Meter breiten Streifen seines Landes in Qubeibeh für die Erschließungsstraße zur Verfügung stellt, aber gleichzeitig Eigentümer dieses Landes bleibt, das langfristig für einen symbolischen Preis an die Gemeinde verpachtet wird. Fraglich war nur, wie der notwendige Neubau einer Stützmauer und der Abbau und Neuaufbau des Turmes an neuer Stelle finanziert werden konnten.

 

Hier haben die exzellenten Kontakte von Schwester Hildegard Enzenhofer weiter geholfen. Ein palästinenischer Ingenieur, der Beit Emmaus und den Schwestern sehr verbunden ist, stellte den Kontakt zur US-amerikanischen Hilfsorganisation CHF her, die dankenswerterweise im Rahmen eines ihrer Programme die Finanzierung der geplanten Baumaßnahme übernehmen konnte. Innerhalb weniger Monate wurden Ausschreibung und Ausführung der Baumaßnahme abgewickelt, für die ein guter Bauunternehmer und exzellente Arbeiter gefunden werden konnten. Eine besondere Herausforderung war es, in enger Abstimmung und gemäß den Vorgaben des palästinensischen Ministeriums für Tourismus und Antiquitäten, alle Steine des historischen Turmes einzeln zu nummerieren, und in genau der gleichen Anordnung wie zuvor wieder zusammen zu fügen, ohne Zement oder andere Baumaterialien zu verwenden, die zur Zeit der Erbauung des Turmes noch nicht in Gebrauch waren.

 

So war es für alle Beteiligten eine große Freude, dass am 9. November 2010 in einer feierlichen Zeremonie die neue Straße eröffnet werden konnte. Die Gemeindeverwaltung hatte eingeladen, und neben Vertretern des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande und der Schwesterngemeinschaft der Salvatorianerinnen waren Bauunternehmer und Bauarbeiter, Vertreter verschiedener beteiligter Behörden und Ministerien, die Bürgermeister der Nachbardörfer, und als Vertreter des Ministeriums für Tourismus und Antiquitäten der stellvertretende Minister, Dr. Hamdan Taha, nach Qubeibeh gekommen.

 

Der Bürgermeister von Qubeibeh, Herr Fahmi Makhtoub, betonte in seiner Rede die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen allen Bewohnern von Qubeibeh, Muslimen wie Christen, von denen es allerdings im Ort nur noch eine Familie gibt, und dankte insbesondere dem DVHL für die gute Zusammenarbeit in allen Phasen der Projektvorbereitung und -durchführung – und die großzügige Bereitstellung des für den Straßenbau benötigten Landes.

 

Anschließend betonte Dr. Hamdan Taha die Besonderheit des Projektes des Abbaus und originalgetreuen Wiederaufbaus eines historischen Gebäudes in den palästinensischen Gebieten, die in einer solchen Form erstmals stattfand – und als großer Erfolg angesehen werden kann. Aus Sicht des Eigentümers des Turmes kann allenfalls ergänzt werden, dass der Turm nicht nur dem Original sehr ähnlich sieht, sondern sogar schöner ist als zuvor...

Auch der Vertreter der Hilfsorganisation CHF, Herr Nasser Farraj, war bezüglich der Zusammenarbeit aller am Projekt beteiligten Parteien voll des Lobes. Nur bei wenigen Projekten seien so viele Parteien involviert gewesen, die so harmonisch zusammengewirkt hätten, zum Wohle der Entwicklung der Infrastruktur in Palästina.

 

Abschließend konnte auch von Seiten der Deutschen Vereins vor Ort ein Lob und Dank an alle Beteiligten ausgesprochen werden. Besondere Erwähnung fanden die großzügige Finazierung des Projektes sowie die hohen professionellen Standards der Mitarbeiter von CHF und die stets gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit ihnen. Auffallend war auch die sehr präzise und bezüglich des kulturellen Erbes behutsame Beaufsichtigung durch das Ministerium für Tourismus und Antiquitäten, das übrigens von einer Stipendiatin des deutschen Katholischen Akademischen Ausländer-Dienstes KAAD, Dr. Khoulud Daibes, geleitet wird. In Phasen, in denen die Verhandlungen mit dem Gemeinderat nicht ganz reibungsfrei abliefen, zeigte sich, wie segensreich die Förderung begabter ausländischer Studierender durch den KAAD sich manchmal auswirken kann...

 

Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass es auch bald wieder gelingt, Pilgergruppen nach Qubeibeh zu bringen, damit auf der neu asphaltierten Straße Pilgerbusse zu dem Ort fahren können, an denen den Emmausjüngern das Herz brannte, als der Auferstandene zu ihnen redete – so dass auch heute noch gerade durch das Pilgern nach Emmaus-Qubeibeh dem Herrn der Weg bereitet wird zu den Herzen der Menschen. Denn darum geht es letztlich bei all unserem Tun. 

 

 

 

 

 

 

 

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