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100 Jahre Jerusalemer Institut der Görres-Gesellschaft, Geschichte und .... Zukunft?

von Hubert Kaufhold

 

Nachdem in den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. der Orient aus verschiedenen Gründen wieder mehr in das allgemeine Bewußtsein gerückt war, beschloß im Oktober 1908 die Generalversammlung der Görres-Gesellschaft in Limburg die Gründung einer „wissenschaftlichen Station“ in Jerusalem. Zweck war zum einen die Erforschung des alten Orients und seiner Kultur unter besonderer Berücksichtigung Palästinas und Syriens und zum anderen das Studium der orientalischen Kirchen, ihrer Denkmäler, ihrer Literatur und ihres kirchlichen Lebens.

 

Im Mai 1909, also vor hundert Jahren, trafen zwei Geistliche als erste Stipendiaten im Institut in Jerusalem ein, das im Paulus-Hospiz in der Nähe des Damaskustors eingerichtet wurde, und begannen mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Bis 1915 schickte die Görres-Gesellschaft sieben Stipendiaten nach Jerusalem (Paul Karge, Konrad Lübeck, Andreas Evarist Mader, Georg Graf, Adolf Rücker, Michael Huber, Johannes Straubinger), die sich mit der frühen Geschichte Palästinas, christlich-orientalischen Liturgien, orientalischen Handschriften und hagiographischen Quellen befaßten oder Ausgrabungen durchführten. Das Institut besaß eine Bibliothek und gab die Buchreihe „Collectanea Hierosolymitana“ heraus, in der von 1917 bis 1934 vier Bände erschienen. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs mußte die Tätigkeit in Jerusalem eingestellt werden.

1925 wurde die wissenschaftliche Station - seit 1926: „Orientalisches Institut“ - wieder eröffnet. Direktor wurde der frühere Stipendiat P. Dr. Andreas Evarist Mader SDS, der als Archäologe die Arbeit des Instituts in den folgenden Jahrzehnts prägte und bedeutende Entdeckungen machte (u. a. Ausgrabungen in Hebron, der Brotvermehrungskirche am See Genesareth). Außer ihm waren - wenn auch nicht mehr regelmäßig - Stipendiaten (Friedrich Schmidtke, Alfons Maria Schneider, Johannes Pohl) oder Gäste (u. a. Friedrich Stummer, Adolf Rücker, Georg Graf) dort tätig. Da das Paulus-Hospiz von der englischen Mandatsregierung beschlagnahmt war, wurde das Institut vorübergehend in die Benediktinerabtei auf dem Sion (Dormitio) verlegt. 1927 erhielt es mehrere Räume in einem Gebäude auf dem Gelände des Paulus-Hospizes, wo es bis 1987 blieb.

Die Tätigkeit des Instituts litt darunter, daß P. Mader oft krank war und sich deshalb nur zum Teil in Jerusalem aufhalten konnte. Auch die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten brachte die Arbeit allmählich zum Erliegen, weil die finanzielle Förderung von staatlicher Seite ausblieb. Das Institut konnte nur noch notdürftig betreut werden.

 

Seit der Wiedergründung der Görres-Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich besonders der frühere Stipendiat Professor Georg Graf für die Wiederaufnahme der wissenschaftlichen Tätigkeit in Jerusalem ein. Es war zunächst jedoch nicht möglich, einen Stipendiaten nach Jerusalem zu schicken. Das Institut entfaltete keine Tätigkeit. Direktor war der Franziskanerpater Dr. Elpidius Pax. Zum Kustos der Bibliothek wurde Pfarrer lic. rer. orient. Johannes Düsing bestellt, dem vor allem an ökumenischen und seelsorglichen Aktivitäten lag.

Eine Wiederbelebung erfolgte Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts durch die Initiative von Professor Dr. Victor H. Elbern, Berlin. Er sorgte dafür, daß 1981 mit dem Kunsthistoriker Dr. Gustav Kühnel wieder ein Stipendiat in Jerusalem tätig war. 1983 wurde Kühnel „Geschäftsführer“ des Instituts, das nun fast zwei Jahrzehnte erfolgreiche Arbeit leistete. Kühnel vergrößerte ständig den Bücherbestand, arbeitete - neben seinen sonstigen Forschungen - an einem „Index der christlichen Kunst des Hl. Landes“ und baute ein Bildarchiv auf, das eine große Zahl von Photographien umfaßt. Im September 1987 konnte das Institut in das dem Vatikan gehörende „Notre-Dame of Jerusalem Center“ in der Nähe der Altstadt, gegenüber dem „Neuen Tor“, umziehen. Ihm standen dort ein zweigeschossiges Institutsgebäude und eine Zweizimmerwohnung für Stipendiaten und Gäste zur Verfügung. Seit dem Umzug nahm das Institut über ein Jahrzehnt hin weiter eine erfreuliche Entwicklung. Begünstigt wurde dies dadurch, daß der Leiter des „Notre-Dame of Jerusalem Center“, der deutsche Geistliche Msg. Dr. Richard Mathes, selbst Mitglied der Görres-Gesellschaft war und das Institut nach Kräften unterstützte. 1999 wurde er leider vom Vatikan abberufen. Das Notre-Dame Center wurde den „Legionären Christi“ übergeben, welche die Räume des Instituts anderweitig verwenden wollten. Das Institut mußte schließlich ausziehen. Bis heute hat sich kein Ersatz gefunden. Die Bibliothek, die Unterlagen und die Einrichtungsgegenstände wurden in Kisten verpackt und in einem Abstellraum eingelagert. Erst vor einiger Zeit wurden die Bücher in ein Institut der Hebräischen Universität verbracht. Eine Weiterführung der Arbeiten war damit praktisch unmöglich geworden. Die Bibliothek konnte von niemandem mehr benutzt werden. Pläne, das Institut anderweitig unterzubringen, ließen sich bisher nicht verwirklichen. Professor Kühnel ist überraschend am 10. Juli 2009 in Jerusalem verstorben.

 

Gustav Kühnel hat sich ohne Zweifel große Verdienste um die Görres-Gesellschaft und das Jerusalemer Institut erworben und es über zwei Jahrzehnte erfolgreich geleitet. Als Kunsthistoriker hat er es weitgehend auf dieses Fach hin ausgerichtet. Die Beschäftigung mit den christlichen Kirchen des Orients, mit der Kultur der orientalischen Christen insgesamt, ist dagegen fast gar nicht mehr gepflegt worden.

Das Institut hat zeitweise gute Arbeit geleistet und den Mitarbeitern günstige Arbeitsmöglichkeiten und viele Anregungen verschafft, die ihrer weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit zugute gekommen sind. Da in Deutschland die Wissenschaft vom Christlichen Orient an den Universitäten mehr oder weniger verschwunden ist, sollte man alle Möglichkeiten nutzen, dieses Fach anderwärts zu fördern. Die Chance, dies mit einem Institut in Jerusalem zu tun, sollte man nicht vergeben.

 

Die Geschichte des Instituts zeigt aber, daß für eine erfolgreiche Arbeit mehrere Faktoren zusammenkommen müssen: eine geeignete Unterkunft für das Institut und seine Bibliothek in Jerusalem, engagierte Personen als Direktor und. als Stipendiaten, die notwendigen finanziellen Mittel für beides und schließlich eine hinreichende Vorstellung davon, welche Aufgaben das Institut in Zukunft erfüllen soll. Diese Aufgabenstellung sollte nicht zu eng gefaßt sein. Die Zahl der Personen, die als Mitarbeiter in Betracht kommen, ist sicher nicht groß. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, war die Arbeit des Instituts immer mehr oder weniger vom persönlichen Arbeitsgebiet der Mitarbeiter geprägt.

Wünschenswert wäre die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen in Jerusalem, etwa mit der Dormitio-Abtei und ihrem theologischen Studienjahr oder dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande. Hier scheinen sich jetzt Möglichkeiten abzuzeichnen.

 

 

 

 

 

 

 

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