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Zeitreise durch die Stadtgeschichte

Ausgrabungen unter der Erlöserkirche sollen zugänglich werden

Von Gabi Fröhlich

 

Alte Mauerstücke mit Nummern, Reste eines Bodenmosaiks und eingepackte Heizungsrohre: Das ist das archäologische Panorama, das sich derzeit im Lampenschein unter der Erlöserkirche bietet. Für die Öffentlichkeit sind die Ausgrabungen bislang nicht zugänglich. Das evangelische Gotteshaus liegt nur einen Steinwurf von der Jerusalemer Grabeskirche entfernt und damit auf archäologisch hochbrisantem Grund.

Als Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1898 die Erlöserkirche feierlich im Namen der deutschen Protestanten einweihte, galt Jerusalem als heruntergekommene Stadt. Dass die neue Kirche auf den Ruinen der mittelalterlichen Kreuzfahrerkirche Santa Maria Latina stand, passte dem Kaiser gut ins Bild: „Er sah sich als Erbe der Kreuzfahrer an“, erklärt der Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaften (DEI), Dieter Vieweger. Der Archäologe will die Funde unter der Kirche für Besucher öffnen: „Wir wollen sie auf eine unterirdische Zeitreise durch die Stadtgeschichte mitnehmen.“

 

Ist die Grabeskirche der Ort der Kreuzigung?

 

Dabei geht es auch um die einst leidenschaftlich diskutierte Frage, ob die Grabeskirche tatsächlich den Ort von Kreuzigung und Auferstehung Jesu birgt. Als wichtigstes Argumentgegen das von Katholiken und Orthodoxen verehrte Heiligtum galt stets die Feststellung, der Ort befinde sich innerhalb der Stadtmauer – für eine Hinrichtungs- und Begräbnisstätte laut jüdischem Reinheitsgebot unmöglich. Als jedoch 1893 die Baugrube für die Erlöserkirche ausgehoben wurde, entdeckte man Reste einer antiken Mauer. Der legendäre Architekt und Archäologe Conrad Schick glaubte, eine Sensation vor sich zu haben: Die Stadtmauer aus der Zeit Jesu. Wenn das alte Jerusalem tatsächlich hier endete, dann lag das Gelände der Grabeskirche vor den Toren der Stadt. Die Theorie von der Stadtmauer zerschlug sich allerdings, als 1970 Grundsanierungsarbeiten an der Kirche vorgenommen wurden. Bei der Notgrabung untersuchten Archäologen den „Sensationsfund“ erneut und datierten ihn auf die Zeit nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70: „Der römische Kaiser Hadrian ließ über den christlichen Gedenkorten Golgotha und Grab Jesu einen Venustempel bauen“, so Vieweger. „Er wollte den Juden eins auswischen – für ihn waren die Christen eine jüdische Sekte.“ Die Mauer unter der Erlöserkirche gehörte vermutlich zur Parkanlage dieses Tempels. Im vierten Jahrhundert wurde sie wohl aufgestockt und in die Anlage der ersten Grabeskirche integriert.

 

Auch wenn die Stadtmauer aus der Zeit Jesu bis heute nicht gefunden ist – für den DEI-Direktor beweisen andere Funde, dass das Gelände sich zur Zeit Jesu vor den Toren der Stadt befand. So entdeckten Archäologen 1970 einen antiken Steinbruch, zu dem auch der Golgotha-Hügel gehört haben könnte. Außerdem legten sie Abschnitte eines Trockengrabens frei, der wohl außen an der Stadtmauer entlang führte. „Das heißt, dass die Stadtmauer sich möglicherweise dahinter befindet“, erläutert Vieweger und zeigt auf eine Wand.

 

Natürlich kribbele es jeden Archäologen in den Fingern, da einfach mal nachzuschauen, meint er. Die internationale Rechtslage verbiete jedoch Forschungsgrabungen in besetztem Gebiet. Und die Erlöserkirche befindet sich im umstrittenen Ostjerusalem. Deshalb will das DEI nun wenigstens die bereits freigelegten Fundstücke der Öffentlichkeit zugänglich machen. Mit Hilfe von Nachwuchsarchäologen aus Wuppertal werden dazu zunächst störende Erdschichten abgetragen. Um die Funde besser zuordnen zu können, soll eine 3-D-Projektion die verschiedenen Stadtgrundrisse darstellen, während die jeweils dazugehörigen Steine farbig angeleuchtet werden. Ein kleines Museum soll die Geschichte des Ortes vertiefen. Finanziert wird das auf insgesamt 300.000 Euro veranschlagte Projekt auch aus Deutschland. Die Regierung unterstützt die Arbeiten über ihr Kulturerhaltungsprogramm. Mit dem Abschluss der Arbeiten rechnen die Fachleute in drei Jahren.

 

 

 

 

 

 

 

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