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Vorurteile machen blind

Ein Projekt verhilft Kindern zum eigenständigen Denken

Von Yvonne Weber

 

Gespannt sitzen arabische Jungen und Mädchen im Kreis und lauschen konzentriert den Erklärungen ihrer Lehrerin. Sie übersetzt ihnen die Ausführungen einer jüdischen Schülerin zu Zeved HaBat, der traditionellen Zeremonie anlässlich der Geburt einer Tochter im sephardischen Judentum. Die Schülerinnen und Schüler gehören zu einer der drei Gruppen, die sich in der katholischen Schule in Kafr Kana treffen. Die Hälfte von ihnen besucht eine staatliche jüdische Schule in Kiryat Bialik, einem Vorort von Haifa, die andere Hälfte die katholisch-arabische Schule in Kafr Kana, nördlich von Nazareth. Beide Schulen nehmen an einem Jugendbegegnungsprogramm teil, das jüdische und christliche Kinder und Jugendliche zusammenbringt und ihnen die Möglichkeit gibt, einander kennen zu lernen und sich mit der Kultur und Religion des Anderen auseinanderzusetzen. Sie reden über religiöse Bräuche und Traditionen in den beiden Kulturen, erklären anhand von Fotos und Rollenspielen, wie diese in ihren Familien gefeiert werden und besuchen Kirchen und Synagogen.

 

Der Initiator dieses Programms ist Daniel Rossing, der Leiter des Jerusalemer Zentrums für Jüdisch-Christliche Beziehungen (JCJCR) und einer der beiden Preisträger des Mt. Zion Awards 2009. Er arbeitet damit entgegen der offiziellen israelischen Politik, die seit Jahren systematisch versucht, Juden und Araber durch räumliche Trennung einander zu entfremden. Das Begegnungsprogramm, das seit drei Jahren durchgeführt wird und inzwischen von ursprünglich acht auf zwölf – sechs arabische und sechs jüdische –Schulen ausgeweitet wurde, ist Teil des umfangreichen Programms des JCJCR, das sich zum Ziel gesetzt hat, Vorurteile und negative Stereotype in der Gesellschaft zu bekämpfen und zu Verständnis und Wertschätzung der religiösen, kulturellen und nationalen Traditionen und Werte des Anderen beizutragen. Grund der Ausweitung des Programms war nicht nur der Wunsch, mehr Schüler erreichen zu können, sondern auch die Erfahrung, dass die Jugendlichen häufig schon mit den in der Gesellschaft vorherrschenden negativen Bildern vom Anderen in die Gruppe kommen. Inzwischen beginnt das Programm bereits in der fünften Klasse und erreicht jährlich ca. 750 jüdische und christliche Kinder und Jugendliche vor allem aus Galiläa, wo die meisten Christen im Land leben. Das JCJCR arbeitet dabei eng mit dem Nationalen Büro katholischer Schulen in Israel und dem TALI Erziehungsfond zusammen, über die die Auswahl der Schulen organisiert und koordiniert wurde. Der TALI Erziehungsfond, ein Netzwerk von staatlichen, säkularen Schulen, ist auch einer der größten Geldgeber des Programms. Die weitere Finanzierung erfolgt vor allem durch christliche Institutionen wie MISEREOR, Missio Aachen, Kirche in Not, dem Kindermissionswerk, der Church of Sweden und nicht zuletzt dem DVHL.

Die Schülerinnen und Schüler in Kafr Kana haben inzwischen ihre Gruppenarbeit beendet und machen sich gemeinsam auf den Weg zur Hochzeitskirche. Nachdem beim vorherigen Treffen eine Synagoge besucht wurde, sind es hier in der Kirche nun vor allem die jüdischen Kinder, die ihre Lehrer mit Fragen bestürmen: Warum hängt in der Kirche kein Kreuz wie in anderen Kirchen? Wo ist das echte Kreuz? Auf eine Statue in der Kirche zeigend – wer ist Bartholomäus? Auch der Vergleich zwischen Aufbau und Ausstattung dieser Kirche und einer Synagoge wird gezogen. Ein Teil der christlichen Schüler verlässt die Kirche vor den anderen. Sie haben eine Überraschung vorbereitet – sie spielen die Hochzeit zu Kana nach. Als das kleine Brautpaar, begleitet von Trommeln und Klatschen und gefolgt von einer Schar von Kindern, durch die Gassen von Kafr Kana vorbei an Andenkenläden zurück zur Schule geht, zieht die Prozession die Aufmerksamkeit der Touristen auf sich, die eigentlich gekommen sind, um die Kirche zu besichtigen. Beim abschließenden gemeinsamen Mittagessen erzählt die Schulleiterin Sr. Renee, die selber aus Nazareth stammt, wie wichtig das Programm für das Land und für die Kinder ist, die die Zukunft dieses Landes sind. Ihr Ziel ist es, die Schüler und Schülerinnen zu selbstständigem Denken zu erziehen und sie hofft, dass diese das hier Gelernte weitergeben werden, wenn sie selber einmal Kinder haben.

 

 

 

 

 

 

 

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