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„Burdj al-Luqluq“ – Der Storchenturm

Begegnungen im Jerusalemer Alltag

Von Pater Thomas Karl Maier (St. Anna, Jerusalem)

 

Begegnung zwischen Religionen – wie sieht das im praktischen Leben aus? So eine Frage kann man sich hier im Herzen der Jerusalemer Altstadt immer wieder stellen, einem Ort, an dem Menschen verschiedener Religionen zusammenleben. Aber begegnen sie sich auch wirklich? Ich möchte aus meiner eigenen Erfahrung erzählen, wie so etwas im konkreten Alltag ablaufen kann. Seit mehreren Jahren habe ich sehr gute persönliche Beziehungen zu einem moslemischen Jugendprojekt im Herzen der Altstadt Jerusalems. Das Projekt heißt „Burdj al-Luqluq“ oder auf Deutsch „Storchenturm“. Die Verantwortlichen bemühen sich mit viel Anstrengung darum, im populärsten Viertel der Altstadt mit den einheimischen Kindern und Jugendlichen zu arbeiten und ihnen eine andere Perspektive als Gewalt und Scheitern zu vermitteln. Hier zu leben bedeutet für junge Menschen, mit Gewalt, Frustration und Scheitern tagtäglich konfrontiert zu sein. Schlechte Schulausbildung, schlechte soziale Verhältnisse, heruntergekommene Häuser und Wohnungen, schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt – es braucht eigentlich nicht mehr, um schon als junger Mensch zu erfahren, was es heißt, auf der Schattenseite des Lebens zu stehen.

Begegnung heißt manchmal auch Begegnung mit Menschen, die anders sind. So versuche ich seit mehreren Jahren, manche freie Stunde im Bereich der Jugendfreizeit zu verbringen, mit den Animatoren zu sprechen, ihnen zuzuhören und mit den Jugendlichen zu sprechen, ihnen zuzuhören und in kleinen Bereichen Hilfestellung zu leisten. Das kann über ein Tischtennismatch bis zur Hilfe bei einem Kindergartenfest gehen.

 

Es ist schön, ganz menschlich füreinander Zeit zu haben. Wenn ich längere Zeit nicht mehr in dem Sozialprojekt auftauche, kommt von dem einen oder anderen Leiter oder Jugendlichen die Nachfrage: „Ja, warum kommst du denn nicht mehr? Magst du uns nicht mehr?“ Ich finde es wirklich erstaunlich, dass meine Anwesenheit als Pater Thomas so selbstverständlich angenommen und geschätzt wird. Klar, ich bin und bleibe ein Fremder, der einer anderen Religion und Kultur angehört, und ich werde nie auch nur einigermaßen gut Arabisch sprechen. Aber ich versuche es wenigstens und ich lasse die jungen Menschen spüren, dass ich sie schätze und so nehme, wie sie sind. Und wenn es dann zum Tischtennis-Spielen kommt, kann ich auch ab und zu mal etwas auftrumpfen. Aber es geht ja nicht darum, den anderen im Wettkampf zu besiegen, sondern ihn zu schätzen und sich mit ihm zu freuen. Sieger und Besiegte haben wir hier in diesem Land schon viel zu viele.

 

Meine Einstellung zu den jungen Moslems unseres Viertels hat sich durch viele positive und manche schwierige Erfahrungen wirklich geprägt. Dialog des Lebens mit anderen ist nicht nur möglich, sondern lebensnotwendig. Dialog des Lebens heißt, füreinander da zu sein und den an- deren spüren zu lassen, dass er für mich wertvoll ist, auch über die Grenze der eigenen Religion hinweg. Ich glaube, so hat es Jesus mit den Menschen seiner Zeit auch gelebt.

 

 

 

 

 

 

 

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