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Milet in Kaiserzeit und Spätantike
Paulus hielt hier seine ergreifende Abschiedsrede
Von Erich Läufer

Muss man Milet kennen, jene alte Stadt an der Westküste Kleinasiens? Milet liegt ungefähr 70 Kilometer südlich von Ephesus, dort, wo der Mäander ins Meer fließt. Wer in der Apostelgeschichte des Neuen Testamentes im 20. Kapitel jene Szene liest, wo Paulus in Milet eine Zwischenlandung auf dem Weg nach Jerusalem machte, die Ältesten der Gemeinde von Ephesus empfing und eine ergreifende Abschiedsrede hielt, bei dem wächst des Interesse für diese Stadt. In der Antike als „Zierde Ioniens“ gepriesen, war sie eine der größten und einflussreichsten Metropolen im Mittelmeerraum. Nach der Zerstörung durch die Perser wurde die Stadt wieder aufgebaut und erlebte in der römischen Kaiserzeit eine Phase erneuten Wohlstands und architektonischer Pracht.
Theater, Nymphäum und Faustinathermen sind Zeugnisse dieser späten Blüte. Der zweistöckige Bau mit den drei Bogendurchgängen des Markttors von Milet ist im Berliner Pergamonmuseum zu bewundern. Wer mehr über Milet wissen möchte, sei hier schon auf das Buch „Milet – in Kaiserzeit und Spätantike – Zeiträume“ hingewiesen, das als Begleitband einer gleichnamigen Sonderausstellung im Pergamonmuseum erschienen ist und über den Tag hinaus seine Bedeutung behält.

Der Schwermut der Rede, die Paulus in Milet hielt, liegt auch über der Landschaft. Nirgendwo sind Reste prunkvoller städtischer Zivilisation und Kultur so wahllos und unübersichtlich verstreut wie im Bereich der ehemaligen Handelsmetropole. Nur ein Gebäude ist fast dreißig Meter erhaben über Steine, Gestrüpp und Ruinen: das klotzige, bombastische Theater, das größte Kleinasiens. Wurde hier die Größe des Geistes ersetzt durch die Größe der Maße? Im Halbrund schauten 25 000 Mileter den Spielen zu. Auch Tierhatzen wurden geboten. Wir durchstreiften beim letzten Besuch stundenlang umwuchertes Gemäuer und versuchten, einige Inschriften der steinernen Hinterlassenschaft zu deuten. Niemand störte uns in der Nachbarschaft der Dromedare, die in zeitloser Gelassenheit hier weideten. Kein Cicerone weit und breit zu sehen. Der Löwen-Hafen, wo Paulus an Land ging, ist versumpft. Milet liegt an jenem Fluss, der sich im Sinn eines Ornaments schlängelt, das von ihm seinen Namen hat: Mäander. Zur Zeit des Paulus mündete der Mäander in eine riesige langgestreckte Bucht. Dort irgendwo wird Paulus nach der Abschiedsrede den Segler bestiegen haben, der ihn auf kürzestem Wege nach Kos brachte und dann nach Rhodos.
Die jüngsten Erkenntnisse aus neuen Feldarbeiten über Milet und seine Zeit sind in dem angezeigten Buch zusammengetragen. Fotos, Skizzen und Rekonstruktionen vieler Gebäude Milets verschaffen den Reisen des Paulus einen interessanten Hintergrund.
Ortwin Dally, Martin Maischberger u.a. (Hrsg.)
Zeiträume
Milet in der Kaiserzeit und Spätantike
228 Seiten, 117 farb. Abbildungen, Pläne, Grundrisse
24,90 Euro / ISBN 978-3-7954-2270-7
Verlag Schnell und Steiner, Regensburg
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