Hat Gott eine Adresse und eine Wohnung?
In Psalm 84 wird gesagt, wo wir Wohnrecht haben
Von Erich Läufer
In einer Diskussion, die eher zu einer Auseinandersetzung wurde, forderte ein Teilnehmer sarkastisch und provozierend, ich möge ihm doch einmal die Adresse Gottes angeben. Wo wohne der eigentlich? Er wolle ihm einige Zeilen schreiben, denn er habe Fragen an ihn, so es ihn denn überhaupt gebe. Hätte ich ihm den Psalm 84 vorlesen oder empfehlen sollen? Er beginnt:
„Wie liebenswert ist deine Wohnung,
Herr der Heerscharen!
Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht
nach dem Tempelberg des Herrn.
Mein Herz und mein Leib jauchzen ihm zu,
ihm, dem lebendigen Gott.
Auch der Sperling findet ein Haus
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.
Deine Altäre, Herr der Heerscharen,
mein Gott und mein König.
Wohl denen, die wohnen in deinem Haus,
die dich allezeit loben.“
Der Psalm wird den biblischen Wallfahrtsliedern zugerechnet. Die Pilger haben ihn angestimmt auf den Höhen rund um Jerusalem, wenn sie den Tempelbau zum ersten Mal erblickten. Vielleicht sangen sie den Psalm erst an den Toren zum Heiligtum, wenn sie die Mauern und Steine berühren konnten. Wie auch immer. Ihre Herzen schlugen höher. Sie waren am Ziel ihrer Sehnsucht. Geht es uns Heutigen als Pilger im He iligen Land nicht ähnlich? Sind die Worte des Psalmisten nicht auch die unsrigen, wenn wir vom Ölberg auf die Heilige Stadt schauen, selbst wenn vom biblischen Tempel nichts mehr zu erblicken ist?
Der Psalmbeter wird wohl zum Laubhüttenfest gekommen sein. Das legt der Hinweis auf den „Frühregen“ (Vers 7) nahe. Er beobachtet, wie im heiligen Bereich die Vögel ihre Nester bauen. Der Sperling, die Schwalbe, die Wildtaube. Selbst sie finden sichere Obhut in der Umgebung Gottes. Erst recht dann der Mensch. So freut sich der Beter und beglückwünscht diejenigen, die immer in der Nähe Jahwes leben. Für ihn ist es das Höchstmaß an Glück. Zwar hatten die diensttuenden Priester Wohnrecht im Tempel, doch wer den Herrn von Herzen sucht, dem wird auf geistige Weise „Wohnrecht“ geschenkt.
Geradezu hymnisch wird der Text, wenn er das Glück lobpreist, den Tempel des Herrn nach den Wallfahrtsstrapazen erreicht zu haben:
„Ein einziger Tag in den Vorhöfen deines Heiligtums ist besser als tausend andere. Lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als wohnen im Zelt der Frevler.“
Der Psalm 84 atmet etwas von der Sehnsucht eines tiefgläubigen Menschen, der die besondere Nähe Gottes erfahren möchte. Und wir? In Jerusalem? Heimgekehrt nach der Wallfahrt? Psalm 84 findet eine neutestamentliche Entsprechung, wenn die Kirche und die Gemeinde Jesu in der Offenbarung des Johannes (21,31) gemeint ist: „Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen. Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.“ Im Tempel weilte Gott nicht in einer goldenen Statue unter den Menschen. Seine Gegenwart war das Wort und das kultische Geschehen. Der mit Händen erbaute Jerusalemer Tempel ist zerstört und niedergerissen. Sakrale Gebäude sind nicht immer eine Garantie, dass Gott in ihnen wohnt. Der Alttestamentler Alfons Deissler hat von diesem Psalmgebet gesagt, es beschäme uns Gläubige des Neuen Bundes mit der Kraft seines Glaubens und seiner Liebe; denn der uns geschenkten Gottesgabe an unseren Altären gelte das Herrenwort (Lk 10,24), nach dem wir sehen und erleben, was vielen Königen und Propheten nicht vergönnt war. In einem neuen Sinn haben Christen Heimat, Zuflucht, Geborgenheit und Wohnung am Altar Christi und in der Eucharistie. Wir wissen, wohin wir gehören und sind nicht länger Zugvögel, die im Sturm und in der Dunkelheit den Weg verloren haben.
|