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Ein ruhiger Ort des Segens in Jerusalem
Vor hundert Jahren (1910) wurde die Dormitio-Kirche eingeweiht
Von Erich Läufer

Sie gehört zur Silhouette Jerusalems, die Kirche der deutschsprachigen Benediktiner am Rand der Altstadt beim Sionstor außerhalb der alten Mauer. Ob vom Ölberg aus oder wenn Pilger von Bethlehem nach Jerusalem kommen oder aus der Wüste Juda über Abu Dis aufsteigen in die Heilige Stadt, immer fasziniert der Blick auf das markante Gotteshaus mit dem aufragenden Turm. Wir müssen in das Jahr 1898 zurückblicken, um zu begreifen, warum der Wunsch deutscher Katholiken Wirklichkeit wurde, in Jerusalem ein Grundstück dort zu erwerben, wo das Obergemach für das letzte Abendmahl vermutet wird, sich das Pfingstwunder ereignet haben soll, das erste Apostelkonzil abgehalten wurde und wo Maria „entschlief“. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. trat damals seine lange vorbereitete Orientreise an. Mit großem Gepränge und hoch zu Ross ritt er durchs Jaffator in die Heilige Stadt ein und nahm am 31. Oktober 1898 vormittags an den Einweihungsfeierlichkeiten der evangelischen Erlöserkirche im Herzen der Jerusalemer Altstadt teil. Um den konfessionellen Proporz zu wahren, hatte der Kaiser mit Unterstützung des Sultans aus brachliegenden Ruinenfeldern und Gemüsegärten außerhalb der Stadtmauer ein Grundstück erworben, das er dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande zur „freien Nutznießung im Interesse der deutschen Katholiken“ schenkte. Dem Vernehmen nach zahlte er für damalige Verhältnisse einen hohen Preis für das verwinkelte Grundstück in der Nähe des Davidgrabes.
Kaum in Besitz, übernahm der Deutsche Verein vom Heiligen Lande Planung und Aufbau eines Klosters samt Kirche. Der Grundstein wurde im Oktober 1900 gelegt. Sechs Jahre später, am 21. März 1906, trafen die ersten drei Mönche aus der süddeutschen Benediktinerabtei Beuron auf dem Sionsberg ein, um den Bau des Klosters und die Aufbauarbeiten für die Kirche voranzutreiben. Dem Kloster und der Kirche gaben sie den Namen „Mariä Heimgang“ (lateinisch „Dormitio Mariae“). Ausgrabun- gen bestätigen, dass an gleicher Stelle eine byzantinische Vorgängerkirche zu Ehren der Muttergottes gestanden hat. Alle deutschen Bischöfe hat- ten zu Spenden für das neue Heiligtum aufgerufen. Dennoch musste der Deutsche Verein Kredite aufnehmen, um die gewaltige Bausumme von rund einer Million Goldmark aufzubringen. Am 10. April 1910 wurde die Marienkirche eingeweiht. 720 Pilger aus ganz Deutschland nahmen daran teil. Der Lateinische Patriarch von Jerusalem vollzog die Weihe. Der Kaiser war vertreten durch seinen Sohn Prinz Eitel Friedrich und zahlreiche europäische Diplomaten gehörten zu den Festgästen.
Mit dem Entwurf für die Kirche und das Kloster war der Kölner Diözesanbaumeister Heinrich Renard beauftragt worden. Er reiste umgehend ins Heilige Land und entwarf für das stark verwinkelte Grundstück ein neo- romanisches Ensemble mit zentralem Rundbau, an den er eine hohe Fassade und einen relativ langgestreckten Chorraum ansetzte. Getrennt davon wurde der Kirchturm südlich errichtet. Bewusst ließ Renard Anregungen der Kölner Kirche St. Gereon und der Pfalzkapelle in Aachen als Hinweis auf die beiden Geburtsstädte des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in seinen Bauentwurf einfließen. Die gesamte Kirche besitzt ein Untergeschoss, das Grundriss und Wandgliederung von der „Oberkirche“ übernimmt und wie eine Krypta wirkt. Stämmige Stützen tragen das Gewölbe der Marienmemorie mit der eindrucksvollen Darstellung vom Heimgang Mariens. Zwei Weltkriege und viele lo kale Auseinandersetzungen haben nicht nur das Gesicht Jerusalems nachhaltig verändert, sondern auch die Kirche und ihren aufragenden Turm in Mitleidenschaft gezogen. Im ersten Weltkrieg mussten die deutschen Ordensleute 1918 das Kloster verlassen und wurden interniert. 1948 traf sie das gleiche Schicksal. Eine Zeit lang war das Kloster verlassen. Durch Kampfhandlungen wurde die Kirche sowohl 1948 wie auch 1967 beschädigt. Der Turm diente zeitweilig israelischem Militär als Stellung. 1926 war das Kloster zur Abtei erhoben worden.
Auf dem Klosterfriedhof liegt neben vielen anderen Mönchen seit den Ostertagen 2002 auch Pater Bargil Pixner begraben. In vielen Gesprächen habe ich diesem Mönch gerne zugehört, der sich Zeit seines Lebens der Erforschung des Heiligen Landes widmete und mitunter auch umstritten war. Er zeigte sich aber sicher, dass Maria auf dem Sion die letzten Lebensjahre verbracht und um die Jahre 48/49/50 gestorben sei. Mehr noch: Bargil Pixner vertrat die These, dass Maria im zeitlichen Umfeld des ersten Apostelkonzils verstorben sei. Dormitio Mariae – Mariä Heimgang! In der Hektik des Jerusalem- Tourismus und des frommen Pilgertreibens sind die Abtei und die Kirche ein ruhiger Ort des Segens geblieben. Viele tausend Pilger kommen jährlich hierhin, um in der Kühle und Stille des Gotteshauses etwas von der Kraft zu spüren, die von diesem Ort ausgeht. Hier duftet es nicht mehr nach Minze und Mokka, nach Brot und Kardamon wie im lärmenden Gewirr der Altstadt, sondern ein feiner Hauch von Weihrauch hat sich im weiten Rund gehalten. Die Erinnerung an das Pfingstwunder damals – hier auf dem Sion wird sie wach.
Abt Benedikt Lindemann steht seit einigen Jahren dem Kloster vor und weiß, dass seine Abtei zu den wichtigsten deutschsprachigen Stätten im Heiligen Land zählt und eine wesentliche Aufgabe der Mönche die geistliche Fürsorge deutschsprachiger P ilger ist. Dass von der Dormitio auch eine Brückenbaufunktion hin zu den Israelis wächst, zeigt sich daran, dass in der Christmette rund achtzig Prozent der Besucher Israelis sind. Manche wohl nur Neugierige. Das jüngste Unternehmen ist die ins Leben gerufene Friedensakademie. Gespräche, die der Ökumene dienen und Veranstaltungen, die dem Frieden zwischen Christen, Juden und Palästinensern eine Chance einräumen wollen, gehören zur Idee dieser Einrichtung. Aushalten als Christen im Heiligen Land ist nicht immer leicht, denn die Ortskirche von Jerusalem steht in besonderer Weise wie die Kirche Christi überhaupt unter dem Kreuz.
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