1001_psalm19

 

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Ein Gesang wird angestimmt, den nur die Augen vernehmen

Über den Lobpreis von Gottes Sonne in Psalm 19

Von Erich Läufer

Wenn wir von Gott sprechen, stoßen wir schnell an unsere Grenzen, denn mit unserer Sprache können wir nur unzureichend seine Göttlichkeit beschreiben. In der Bibel erzählen die Menschen deshalb eindrucksvoll von Gott in Bildern, in Gleichnissen, in persönlichen Erlebnissen. Das geschieht besonders in den Psalmen, dem Gebetbuch des Volkes Israel. Ein eindrucksvolles Bild für die Herrlichkeit und Macht Gottes finden wir in den ersten Versen von Psalm 19, wenn die Sonne als Kreatur des Schöpfers gepriesen wird. Der biblische Beter weiß: „Am Firmament hat er der Sonne ein Zelt gebaut. Sie tritt aus ihrem Gemach heraus wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held und läuft ihre Bahn. An einem Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis zum anderen Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.“

 

Immer wenn ich im Heiligen Land einen Sonnenaufgang hoch auf dem Berg Arbel, der schönsten Aussichtskanzel in der Heimat Jesu, erwarte oder abends von den Golanhöhen über den See Gennesaret hinweg den roten Sonnenball im Westen bei Tiberias untergehen sehe, erinnere ich mich an die Sehnsucht des Mose: „Herr, lass mich doch deine Herrlichkeit sehen.“ Was für ein unbeschreibliches Spiel der Farben, wenn am Ende der Nacht die Sterne sich anschicken, der Sonne Raum zu geben. Zuerst ist es nur fern am Horizont über dem schneebedeckten Hermon ein blasser Schimmer, der den neuen Tag und das Schauspiel des Sonnenaufgangs ankündigt. Dann beginnt sich das Firmament zu färben: blau, violett, rot, orange, gold – bis schließlich alles in einem Augenblick in der Helligkeit der Sonne, in deren blendendem Licht, aufgeht. Schweigen liegt über dem Zauberspiel des Lichtes. Leise ist die Stimme, die von der mächtigen Sonne ausgeht. Ein Schweigen bis an die Grenzen der Erde. Ein jubelnder Gesang, den nicht die Ohren, sondern nur unsere Augen vernehmen.

 

Die Sonne am Himmel – im Alten Orient wie in Ägypten wurde sie als Gottheit verehrt und in herrlichen Liedern besungen, zum Beispiel im Sonnengesang des Echnaton. Der Psalm 19 nimmt ein solches Sonnenlied wieder auf, aber „gereinigt“, denn der Beter weiß, dass die Sonne keine Gottheit, sondern die Kreatur des Schöpfers ist. Als „Lampe“ hat er sie an den Himmel gestellt, ein Werk seiner Hände. Die wunderbare Tat Gottes. Raum und Zeit, Tag und Nacht künden von seiner Größe. Und so preist der Beter in den folgenden Versen die Weisung und das Gesetz Gottes als zweite Sonne, die erleuchtet, erquickt und erfreut. So wie die Sonne Wärme und Leben für den Menschen bedeutet, so sind Gottes Weisungen keine trockenen Paragrafen, sondern Wegweisung in die Geschichte hinein, damit es den Menschen gut geht.

 

Auch im Christentum spielt die Sonne als Sinnbild eine Rolle. Jesus selbst spricht oft vom Licht und bezeichnet sich selbst als „das Licht der Welt“. Es gibt wohl kaum eine Bildrede von Christus, die so überzeugend gültig ist wie diese: Christus, unsere wahre Sonne. Ein uralter christlicher Gesang nennt Christus „das heitere Licht“ und vergleicht ihn mit der Milde der Abendsonne. Mit gefällt der Gedanke „Beten heißt, sein Leben in die Sonne halten“, weil ich manchmal spüre, wie ein kalter und eisiger Schleier sich über manche Tage legen kann. Wir sehnen uns nach Wärme und dem milden Licht des Glücks. Dann an Gott denken, sich in sein Licht stellen und von seiner Liebe wärmen lassen, das kann unsere Tage hell machen wie der Sonnenaufgang oben auf dem Felssporn vom Berg Arbel, weit über den See Gennesaret hinweg bis zum weißen Hermon-Gipfel am Horizont.

 

 

 

 

 

 

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