0904_vertanes_Schweigen

 

deutsch
englisch

 

Das vertane Schweigen gib uns wieder

 

Psalm 123 hilft, ein Loch in die Wortmauer zu brechen

 

von Erich Läufer

 

Manche Psalmverse brauchen ihre Zeit, bis sie sich unvermittelt als Kostbarkeit und Wegweisung erschließen. So erging es mir mit dem Vers aus Psalm 123. "Wie die Augen der Knechte auf die Hand ihres Herrn, wie die Augen der Magd auf die Hand ihres Herrn, so schauen unsere Augen auf den Herrn unseren Gott, bis er uns gnädig ist." Es ist ein altes Wallfahrtslied. Aber das Bild aus der bäuerlichen Welt mit Mägden, Knechten und dem Gutsherrn bleibt in unserer "technischen" Welt eher ein verschlossenes Bild.

Dann aber kann es geschehen und obwohl schon oft im Brevier in der Vesper gebetet, dass es unsicher macht, dann verlegen, schließlich fragend. Ist unser Beten nicht häufig ein Wortgeflecht, in dem wir uns vergangen und verheddern? Ein ungeduldiges Einreden auf Gott, das nichts erwarten und aushalten kann? Ein Beten, das mit seiner Unruhe einem zappeligen Kind gleicht?

 

Die Mägde und Knechte im Psalm richten ihre Augen einfach auf den Herrn. Sie schweigen. Sie lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Sie schauen nur auf die Hand des Herrn. Nicht einmal in sein Gesicht oder seine Augen. Sie warten nur auf ein Zeichen. Ein kleines Zeichen kann es sein, das ermutigt wie eine erhoffte Antwort.

 

Es gibt diese lautlose Sprache des Schweigens. Unsere Kranken beherrschen sie manchmal. Häufig wird sie auch von Liebenden "gesprochen". Wenn sie Hand in Hand beisammen sitzen und miteinander in irgend eine Ferne schauen. Kein lautes Wort. Kein Blick auf die Uhr. Lange können sie so verweilen. Sie verstehen sich und drücken die Hand, als hätten sie ein langes Gespräch gehabt.

 

Ist unser Gespräch mit Gott nicht auch ein Gespräch unter Liebenden? Gott ist doch die Liebe. Muss der Wortschwall so mächtig sein, dass wir darin taub werden und nichts mehr hören? Die Liebenden brauchen doch auch Zeit, um zu schweigen und zu hören. Sie schätzen das Geschenk der stummen Zunge. Die Stille. Das Hören. Die Sammlung. Wie die Magd, deren Augen auf die Hand des Herrn gehen. Wortlos. Unsere Gebetsnot mag manchmal daher rühren, dass wir so ungeduldig sind. Weil wir sofort das Zeichen haben wollen, "dass Gott uns gnädig ist".

 

Würde uns nicht manchmal auf der Pilgerfahrt durchs Heilige Land an manchen heiligen Orten die Zeit der Stille mehr bereichern als der Wortschwall gutgemeinter langer Erklärungen? Still an heiliger Stätte verweilen! Leiden unsere Gottesdienste nicht oft daran, dass die überladen werden mit Wörtern? Soviel Betrieb, soviel Gerede, soviel immer neue Erfindungen, damit wir bei Gott und uns selbst ankommen. Aber kommen wir mit dem Betrieb bei Gott tatsächlich an oder zelebrieren wir uns nur selber mit so vielem, was wir uns ausdenken? Hat Gott zu uns gesprochen, wenn alles nach Plan geklappt hat? Oder blieb er fern und stumm, in unserer frommen Geschäftigkeit, weil wir nicht bemüht waren, hinzuhören auf ihn, weil wir soviel zu sagen meinten? "Ich erhebe meine Augen zu dir, der du thronst im Himmel." In der Stille kommt Gott zu Wort. Im Schweigen müssen wir sein Wort zu Wort kommen lassen. Werner Bergengrün beginnt ein Gedicht so: "Das vertane Schweigen gib uns wieder".

 

 

 

 

 

 

 

(c) Deutscher Verein vom Heiligen Lande - 2010     mail[[at]heilig-land-verein.de

[Startseite] [Wir über uns] [Einrichtungen] [Pilgerreisen] [Freiwilligendienste] [Spenden] [Impressum]