0909_herr_ist_mein_hirte

 

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„Der Herr ist mein Hirte, nichts fehlt mir“

Der Psalm 23 – das frohe Bekenntnis eines Jerusalem-Pilgers?

 

von Erich Läufer

 

Der Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, nichts fehlt mir“ ist wohl der bekannteste aller Psalmen. Im Laufe der Tradition wurde er am meisten kommentiert und vom Volk Gottes oder den Pilgern im Heiligen Land besonders gern angenommen, wenn bis heute gesungen wird „Mein Hirt ist Gott der Herr“. Das Epigramm schreibt ihn David als Autor zu. Einige Bibelwissenschaftler aber meinen, dass der Psalm von einem Pilger geschrieben wurde, der zum Tempel hinaus wallfahrtete, dort sein Opfer darbrachte und bevor er den Heimweg antrat, dem Herrn dankte und seinen Schutz für den weiteren Weg erflehte. Er bekennt nicht nur sein privates Glück, sich an der Gnadenstätte geborgen zu wissen, sondern will auch andere mit seiner Erfahrung vertraut machen:

 

„Der Herr ist mein Hirte.

Nichts fehlt mir.

Er lässt mich rasten auf grüner Wiese

und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Er stillt mein Verlangen

und führt mich auf den rechten Weg,

dafür bürgt sein Name.

Müsst ich auch wandern

in finstrer Schlucht,

ich fürchte nichts Böses.

Dein Hirtenstab und dein Stock,

sie geben mir Mut.

Du deckst mir den Tisch

vor den Augen meiner Bedränger.

Du salbst mit Öl mein Haupt,

du füllst mir randvoll den Becher.

Deine Güte und Huld folgen mir

alle Tage meines Lebens.

Ich will bei dir bleiben

ein Leben lang.“

 

Die Klarheit und emotionale Bewegung, die von diesem poetischen Psalm ausgeht, ist nicht nur auf das vertraute Bild des Hirten zurückzuführen. Da sind auch jene Bilder, die jedem Pilger von damals und dem Besucher von heute vor Augen stehen, wenn er die Landschaften des Heiligen Landes erlebt. Der Reiz von saftigen Weiden. Das schattige Tal oder auch die dunkle Schlucht. Der gedeckte Tisch beim freundlichen Gastgeber und der randvolle Becher. Der Ruheplatz am Wasser oder Brunner einer Oase. Gott wird identifiziert mit Hirt und Gastgeber. Von dieser Erfahrung gehen Trost und Vertrauen aus. Sicherheit und Schutz inmitten von Schwierigkeiten und Gefahren.

 

So findet sich bei dem berühmten Philosophen Henri Bergson (1895-1941) das Zeugnis: „Von den hunderten Büchern, die ich gelesen habe, hat mir keines soviel Licht und Trost gespendet wie diese wenigen Verse des Psalms 23.“ Zwischen uns und dem Psalm 23 liegen ungefähr 3000 Jahre. Dennoch sind die Worte nicht starr geworden und sie haben in der Zeit nichts von ihrer Faszination verloren, weil für Christen die Hirtenlandschaft und Gastfreundschaft Jahwes in Christus persönliche Gestalt annahm. Allerdings: Den Psalm 23 beten, setzt einen Akt vorbehaltlosen Vertrauens voraus in einen Mächtigen, der wirklich alles vermag. In einen Gott, der weiß, was wir brauchen. In einen Vater, der dafür sorgt, dass alles zu einem guten Ende kommt, wenn auch auf Umwegen. In einen Aufmerksamen, der ein Auge auf uns geworfen hat, weil er uns mit Namen kennt. Können wir so beten?

 

Die Erfahrung zeigt, dass Menschen Wesen des Begehrens sind. Wir bringen große Opfer, um uns Wünsche zu erfüllen, die wir im Laufe eines langen Lebens haben. Wir arbeiten, um Träume zu realisieren. Wir haben die Wünsche nach Glück und Frieden. Den Wunsch zu lieben und geliebt zu werden, Ruhm und Ehre zu erlangen und Anerkennung zu finden. Bleibt dabei nicht die wahre Sehnsucht nach Glück auf der Strecke? Und dann beten „nichts fehlt mir“?

 

Der erste Beter des Psalmes bezeugt, dass Gott sein Hirte ist und seine unendliche Sehnsucht bei ihm das lang Ersehnte gefunden hat. Er hat es auf dem Pilgerweg erlebt, denn er war nicht nur „dann mal weg“. Jetzt kann er dem Herrn sein Leben und seinen Tod anheim stellen, weil er ihm vertraut. Neid, Missgunst oder Vergleiche mit anderen hören auf. Nur in diesem Sinn werden auch wir in rechter Weise die drei Worte verstehen „nichts fehlt mir“.

 

Die heilige Teresa von Avila notierte diese Erfahrung auf einem Lesezeichen:

 

„Nichts verwirre dich,

nichts erschrecke dich.

Alles geht vorüber,

Gott ändert sich nicht.

Die Geduld erreicht alles.

Wer Gott hat,

dem fehlt nichts.

Gott allein genügt.“

 

 

 

 

 

 

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